Theater Augsburg
Was für eine Männerfreundschaft! Da stehen sie dicht voreinander, Orgon und Tartuffe, blicken sich tief in die Augen und schütteln sich vor Lachen, genauer: vor Lachyoga. «Wer seiner Lehre folgt, empfindet tiefsten Frieden», frohlockt der Hausherr. Er ist dem Guru Tartuffe samt dessen Glücksverheißungen aus fernöstlichen Entspannungs–techniken und Voodoo-Klimbim komplett auf den Leim gegangen und verachtet nun Frau und Kinder für deren Konsum- und Lebensfreude.
Ein Tartuffe, der seinen Gastgeber nicht mit der christlichen Büßer-Masche beeindruckt, sondern ihn zum fanatischen Anhänger einer selbstgestrickten Feld-, Wald- und Wiesen-Esoterik formt – das ist so naheliegend zeitgemäß, dass es fast gar nicht als Setzung der Regie auffällt. Vielleicht zieht Sigrid Herzogs exakt durchkomponierter «Tartuffe» deshalb so schnell und intensiv in Bann: Jeder noch so überspitzte Einfall kommt mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit daher.
Die Dialoge etwa klingen, als wären rein zufällig einige Passagen in Versform geraten. Das ist zum einen dem uneitlen Spiel der Darsteller zu verdanken, zum anderen der Übersetzung von Rainer Kohlmayer, die zwischen betulich und unverblümt changiert ...
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Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 45
von Cornelia Fiedler
Das Thalia Theater hatte mich gebeten, für Helmut Schmidt ein Stück zu spielen. Ganz privat, in seinem Haus in Langenhorn. «Welches Stück? In was für einem Raum?», fragte ich. «Eines von deinen Solo-Programmen. In seinem Wohnzimmer. Dreißig Minuten Zeit für die Einrichtung.» Gut, dachte ich, dann machen wir «Amerika» von Kafka.
Das Vorhaben schien unwirklich, doch...
Als Jean-Pierre Cornu ein Knabe war, da hatte er vor sich den See und hinter sich den Weinberg. Da lebte er in Twann am Bielersee, in einem jener lauschigen Schweizer Winzerdörfer, wo es sehr guten Wein und sehr gute Würste gibt. Und wie es so ist in Twann, wird dort Schweizerdeutsch und Französisch gesprochen, und jede Jahreszeit ist lieblicher und das Leben ein...
Im Prolog seines «Puntila und sein Knecht Matti» verspricht Brecht Spaß «zentnerweise» und warnt, hier werde mit dem Beil gearbeitet. Irgendwie muss seitdem eine Spaßmaßinflation stattgefunden haben. Brechts Zentner sind heute Gramm. Bei Herbert Fritsch gibts Späße tonnenweise, und gearbeitet wird mit dem Kalauer. Grotesk, ohne Fabel, ohne Figuren, mit der...
