Tanz der Substanzen
In der kalifornischen Wüste steht eine junge Frau und blickt zum eleganten, modernistischen Bungalow hinauf, der oben in den Felsen gebaut ist. Plötzlich explodiert das Gebäude. Aus immer neuen Perspektiven wiederholt sich diese Explosion, zuletzt als Detailstudie des Interieurs und in Zeitlupe. Den Kleiderschrank erwischt die Druckwelle von hinten: In grotesker Anmutung blähen sich die Kleidungsstücke für einen Moment auf, bevor sie scheinbar von Schwerkraft befreit neben Lampe, Hühnchen und Hummer zu schweben beginnen.
Vor leuchtend blauem Horizont und mit Pink Floyds psychedelischem Sound unterlegt («Come in Number 51») verwandeln sich die Alltagsdinge in ästhetische Objekte – frei von Funktion, ökonomischem Wert oder Warenfetisch. Die Explosion bringt die Objekte zum Tanzen.
Dass die dänische Choreografin und Tänzerin Mette Ingvartsen den diskursiven Teil ihrer Lecture-Performance «Speculations» mit dieser Beschreibung beendet (die sich unschwer als Ende des Films «Zabriskie Point» von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1970 erkennen lässt), ist natürlich Konzept. Die Sequenz erzeugt eine künstl(er)ische Realität, in der die Objekte Eigendynamik entwickeln und sich ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juni 2017
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Anja Quickert
Die Geschichte, in die Yamila Hanna Bach während ihrer Forschungsreise im Nahen Osten gerät, ist wirklich sehr merkwürdig. Die deutsche Mikrobiologin wird in Martina Clavadetschers Siegerstück der 4. Essener Autorentage «Stück auf!» nämlich gegen ihren Willen zur Protagonistin einer bizarren Neuerzählung der biblischen Parabel von Lot. Eigentlich wollte sie nur...
Es summt und brummt in allen Ecken des Hauses, als seien seine Wände selbst lebendig geworden. In einer Ecke werden Messer geschmiedet, in der nächsten wird musiziert, dort plätschert Wasser durch ein Pflanzenbewässerungssystem, da sitzt eine Reihe von Menschen versunken an einem Tisch, jede*r für sich ein Video schauend. Die Maulwürfe sind eingefallen am...
1979 wurde Peter Shaffers «Amadeus» auf der großen Olivier Bühne des National Theatre aus der Taufe gehoben. Der fiktionale Kampf um die Gunst von Joseph II. zwischen dem Wiener Hofkomponist Salieri und Wunderkind Mozart wanderte von hier ins West End und zum Broadway und sahnte schließlich als Film acht Oscars ab. Über 30 Jahre später inszeniert Michael...
