Spätmoderne Zeiten
Eigentlich geht es Fräulein Agnes allerbestens: keine größeren finanziellen Sorgen, eine schöne Altbauwohnung, ein reiches Kulturleben, das sie in einem gerngelesenen Blog mit ihren Mitmenschen teilt, ein junger Liebhaber, über dessen gelegentlich anderweitigen Interessen sie großmütig und weise hinwegsieht. Kurz: Fräulein Agnes lebt im kulturbürgerlichen Paradies auf Erden.
Was jedoch leider nicht besonders zu ihrer persönlichen Zufriedenheit beiträgt.
Wie jeder gute Menschenfeind seit Molière kippt sie schon in ihrem ersten Monolog, einem vernichtenden Wutblutsturz, kübelweise Verachtung auf die lokalen Künstler, Salons, Kunstvereine und andere Kulturbetriebsnotwendigkeiten und analysiert das schöne, bunte, aufgeklärte Kreativ- und Reflexionsmilieu, deren eindrucksvoller Leuchtturm sie ist, mit ausdauernder Wahrheitsliebe in Grund und Boden. Von Freitagabend bis Sonntagvormittag – von der Autorin peinlich genau dokumentiert – pointiert sie dabei mit schneidender Intelligenz ihren ganzen, nicht unerheblichen Bekanntenfreundeskreis aus ihrem Leben heraus.
Rebekka Kricheldorfs «Fräulein Agnes» ist vermutlich die eindrucksvollste und treffsicherste intellektuelle Selbstabschaffung ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Best of ... Mülheimer Stücke, Seite 20
von Franz Wille
Eigentlich war für diesen Abend eine echte Gemeinheit geplant: Zur solidarischen Frauenaktion sollten Zuschauerinnen auf die Bühne gebeten werden, um ohne Ansage und händchenhaltend Teil eines Reenactments des perfiden #125- Dezibel-Videos zu werden, in dem hübsche, junge, weiße Frauen in #MeToo-Pose darum flehen, die Grenzen dichtzumachen, damit sie endlich...
Alles fließt, manchmal schwebt es, aber immer greift alles nahtlos ineinander in diesem Abend im Chemnitzer Schauspielhaus. «Meister und Margarita» in einer meist sehr stringenten Fassung von Regisseur Malte Kreutzfeldt, der eine an den Titel angelehnte klare Zweiteilung des Abends vornimmt. Die ersten 80 Minuten bis zur Pause sind dem namenlosen Meister (Andreas...
Am Ende hat Regisseurin Katie Mitchell doch noch einen Krimi draus gemacht. Denn lange durfte man sich fragen, was es eigentlich mit der mitternächtlichen Party auf sich hat, zu der Julia, die Kunstgeschichtsdozentin, und ihr als Musikproduzent aktiver Gatte Paul Julias neue Uniassistentin Josefine und deren Freund Tilman, einen erfolgreichen Möbelbauer,...
