Romane, Romane!

Prosatexte auf dem dramatischen Prüfstand: ein Gespräch mit dem Regisseur Jan Bosse und dem Autor und Dramaturgen John von Düffel über die Lust am großen Titel, die Spiegelung kollektiver Mythen, die Begrenztheit des Kanons und die Notwendigkeit von Marketing

Theater heute - Logo

Theater heute John von Düffel, vor drei Jahren haben Sie für das Thalia Theater in Hamburg Thomas Manns «Buddenbrooks» dramatisiert, ein Stück, das nicht nur bis heute dort auf dem Spielplan steht, sondern in dieser Saison an zahlreichen Theatern nachgespielt wird. Worin besteht die künstlerische Herausforderung, wenn man aus einem 700-Seitean-Roman einen zweieinhalbstündigen Theaterabend macht?

John von Düffel Stephan Kimmig, der Regisseur in Hamburg, und ich hatten zunächst ein thematisches Interesse, das Thema Bürgerlichkeit.

Wir Bürgerkinder wollten über die Werte und auch die Deformationen unserer Herkunft nachdenken. Gleichzeitig herrschte damals auch gerade eine wirtschaftliche Depression, die viele den Absturz fürchten ließ. Uns schwebte so eine Art Archäologie des Familienkapitalismus vor: statt der Familie die «Firma Buddenbrook». Und wir entdeck­ten dann, dass das Buch gar nicht so ironisch und heiter ist, wie man es in Erinnerung hatte. Es steckt voller interessanter Grausamkeiten: am Körper der Familie, am Körper des Einzelnen. Die vielgerühmte Ironie des Buches wirkt da weniger souverän, sondern eher wie ein Schutz vor diesen Grausamkeiten. 

TH Wie sind Sie drauf ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2008
Rubrik: Dramatische Prosa, Seite 12
von Eva Behrendt, Barbara Burckhardt, Franz Wille

Vergriffen
Weitere Beiträge
Fels und Baumskelett

Zwei junge Männer lagern auf einer Matratze. Starren und schweigen den Bühnenhimmel an, und von dort oben glotzt zurück das Nirgendwo, das den in Sinnfragen mutwillig unbehausten Helden Meursault in Albert Camus’ Kurzroman «Der Fremde» erst umhüllt, und dann genüsslich erdrosselt. Zwei junge Männer also, und da springt der eine auf, feixt und flucht, ein Dutzend...

Mütter an die Macht

Dank demografischer Nachwuchssorgen wird derzeit auf allen Kanälen über die gesellschaftstauglichste Form des Mutterseins debattiert. Nur als dramatischer Konflikt wird das Lavieren zwischen Kindern und Karriere nach wie vor nicht ernst genommen. Allenfalls im Fernsehen schmunzelt man über die tapfere Familienmanagerin, die zwischen Spielplatz und Meeting hin und...

«Viele sind tot, viele sind untot. Hallelujah!»

Ein gläserner Tunnel liegt wie ein Gedärm in der Maschinenhalle Zweckel/Gladbeck. Und wir darin, ein zähflüssiger Besucherstrom, schieben uns langsam vorwärts ins Halleninnere. Linkerhand stapeln Arbeiter «Marina»-Pflanzenmargarine, dort hinten spielen Mädchen in einem Kabuff Ringelreihen. In die Tunnelwände sind Monitore eingelassen, die das Areal abfilmen. «Man...