Rendezvous mit einer alten Jungfer
Was, um Himmels Willen, hat «Der seidene Schuh» in einem Theater wie dem Schauspielhaus Wien verloren? Wie, in Gottes Namen, konnte Claudels fast 90 Jahre alte Jungfer von einem Stück die Wiener Bastion der Gegenwartsdramatik erobern?
Schauspielhausdirektor Andreas Beck erklärt die überraschende Stückwahl mit einer Anekdote: Bei den ersten Gesprächen zur Spielzeitplanung habe man in der Dramaturgie scherzhaft gemeint, man müsse ohnedies nur bis zum für Dezember vorausgesagten Weltuntergang disponieren.
Aus diesem Witz heraus habe sich die Idee entwickelt, «Transzendenz» zum Motto der Saison zu machen, unserer säkularen Gesellschaft sozusagen die Gretchenfrage zu stellen. Da lag der erzkatholische Paul Claudel natürlich nahe.
Dessen 1924 abgeschlossenes Opus magnum «Der seidene Schuh» ist ein Monstrum von einem Drama – 52 Szenen, mehr als 70 Rollen, fast 400 eng bedruckte Buchseiten! – und ein wahres Welttheater: Die «spanische Handlung in vier Tagen» erstreckt sich über drei Kontinente und mehrere Weltmeere. Das im spanischen Weltreich des 16. Jahrhunderts – als dort die Sonne nie unterging – angesiedelte Stück erzählt in seinem Kern die glühende, aber unerfüllte Liebesgeschichte ...
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Theater heute Januar 2013
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Wolfgang Kralicek
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