Reise in die wahre Kälte
Endlich mal wieder Theater mit Vorhang. Und hier geht er nicht nur einmal auf, sondern acht-, neun-, zehnmal, allein in der ersten halben Stunde. Jedesmal eröffnet sich dahinter eine neue Welt, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Elfriede Jelineks Textkaskaden als stumme Tableaux vivants – das könnte man für bloßen Regie-Innovationszwang halten. Ist es aber nicht. Was Simon und seinem Spielquartett plus zwanzigköpfiger Statisterie im ersten Drittel der als Triptychon angelegten Aufführung gelingt, ist eine sogkräftige Bilderreise ins Herz der Finsternis dieses Textes.
Die von Simon auch ausgestattete Inszenierung beginnt mit beschwörend raunendem Gesang im Dunkel. Rechts vor der Bühne steht Nina Wurman, die den Bilderreigen mit ihrem Kontrabass begleitet (und dabei von Arvo-Pärt-Elegie bis zum hornissenbrummenden mehrstimmigen Staccato alle erdenklichen Soundeffekte ausreizt). Der Vorhang öffnet sich zum ersten Mal, im nebeldurchzogenen Licht steht eine Schar unheimlicher Hybridwesen: Tierköpfe auf Menschenkörpern. Regungslos, minutenlang. Ein Einstieg, der mit bedrohlicher Ruhe alle Erwartungen wegräumt, die an einem Jelinek-Abend so im Parkett schweben könnten.
Jelinek ohne ...
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Theater heute Juni 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 36
von Andreas Jüttner
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