Regensburg: Der Feind ist tot
Das ist eine Geschichte, wie sie der, über den in ihr berichtet wird, selber erdacht haben könnte: Der Spitzel eines diktatorischen Regimes hockt jahrelang in seinem Observationskabuff und registriert jede Bewegung des ihm obskuren Objekts seiner Beobachtungsbegierde. Voller Pflichteifer bekommt er aber gar nicht mit, dass der angebliche Staatsfeind längst verstorben ist. Im vertraulichen Bericht für die «Firma», wie die Partei schlecht tarnend umschrieben wird, kann man immer nur von «keinen besonderen Vorkommnissen» lesen.
Wovon auch sonst: Der «Feind» ist tot – und sogar die Regierung, für die der Spitzel spitzelte, ist längst abgesetzt ...
Der in der Oberpfalz nahe der tschechischen Grenze lebende Schriftsteller Bernhard Setzwein hat sich das alles für den von ihm höchst verehrten tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal (1914–1997) einfallen lassen. Und wer nur ein wenig das Leben dieses einzigartigen Literaturkauzes kennt, weiß, dass es sich darin (und auch eben danach) durchaus hätte so zutragen können. Dieser pflichteifrige Dutky, der sich keinen Schritt aus seinem Büro-Bunker bewegt, der seine Kladden mit allen Einzelheiten der Ereignislosigkeit füllt, den Stillstand ...
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Theater heute August/September 2015
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Bernd Noack
«In der Horde tut ihr Dinge, die ihr alleine nicht tun würdet.» Ja, da hat die Automatenstimme Julia wohl recht. Schließlich bringt sie die Teilnehmer von «Remote Karlsruhe» nicht nur dazu, sich per Kopfhörer rund eindreiviertel Stunden lang durch die Stadt leiten zu lassen, sondern auch dazu, in Demonstrantenhaltung mit gerecktem Arm durch die Fußgängerzone zu...
Lieben Sie die Klassik so wie die Russen? Sie, musikalische Italiener, und Sie, ironische Briten? Du, scharfsinniger Gallier, und Du, düsterer Germane?
Die leidenschaftlich-selbstlose und hysterische Klassikerliebe ist in Russland schon längst nicht mehr nur die Hingabe an das Schöne. Es ist die Liebe zu etwas Sakrosanktem, nicht in Frage zu Stellendem, das die...
Es ist kalt und hermetisch in jenem «Baal», den Nuran David Calis zum Ende der Spielzeit im Leipziger Schauspielhaus präsentiert. Auf die Bühne hat Irina Schicketanz einen großen, weiß gekachelten Raum irgendwo zwischen Großraumtoilette und Gummizelle gestellt, in dem Sebastian Tessenow als Baal sein getriebenes Unwesen Revue passieren lässt. Calis spielt die erste...
