In Auflösung: Philipp Hauss (Carl Joseph von Trotta) und Johann Adam Oest (Maler Moser) in «Radetzkymarsch», inszeniert von Johan Simons am Burgtheater Wien; Foto: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater

Postheroisches Unglück

Wenn Reiche und Regeln zerfallen: Johan Simons inszeniert Joseph Roths «Radetzkymarsch» an der Burg, Stephan Kimmig «Die Zehn Gebote» nach Krzysztof Kieslowski am Volkstheater

Theater heute - Logo

Das «Radetzkymarsch»-Kapitel, in dem Joseph Roth einen Tag kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des Kaisers Franz Joseph I. beschreibt, ist von gemütvoller, ja geradezu zärtlicher Diktion. Ein Ton, in dem die nachlassende Lebenskraft, aber auch die weise Gelassenheit eines alten Mannes aufscheint, dessen Leidenschaften nur noch in Watte gepackt vor sich hinsimmern.

Gleichwohl erfährt der Kaiser kurz vor Kapitelende eine rührende Irritation, als er dem Leutnant Carl Joseph von Trotta gegenübersteht und glaubt, dessen Vater sei jener «Held von Solferino» gewesen, der ihm einst das Leben rettete. Als er erfährt, dass es sich um dessen Enkel handelt, erschrickt er vor seinem eigenen Alter: «Dabei bemerkte er nicht, dass an seiner Nase ein glasklarer Tropfen erschien und dass alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte, der endlich, endlich in den dichten, silbernen Schnurrbart fiel und sich dort unsichtbar einbettete.»

In Johan Simons’ und Koen Tachelets Bühnenadaption von Roths «Radetzkymarsch» ist an dieser Stelle Johann Adam Oest in eine cre­meweiße Uniformjacke geschlüpft, die er über der Unterwäsche offen lässt. «Wir haben den Krieg nicht gern», spricht dieser ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Grandhotel Abgrund

Von wegen, es gebe keinen Fortschritt: Gemessen an den neureichen, trunksüchtigen schlesischen Kohlebauern von 1889 hat sich im mittelständischen Bereich bis heute einiges bewegt. Es ziehen keine ausgehungerten depravierten Arbeiter aus den Bergwerken mehr durch die Straßen, die Unternehmer bekennen sich zu ihrer sozialen Verantwortung, wenn sie um ihre...

Heidelberg: Schaum vorm Mund

Populismus, Fremdenhass und rechte Gewalt werden nicht erst seit AfD und Flüchtlingsdebatte auf der Bühne thematisiert. Zahlreiche Autoren haben in den letzten Jahren gründliche Recherchen und ideologische Tiefenforschungen zu den dunklen Seiten Deutschlands betrieben: Die Schlampereien des Verfassungsschutz hinsichtlich der rechtsradikalen Terrorzelle NSU...

Lasst Taten sehen!

Der Worte sind genug gewechselt. Jede Seite hat ihre Argumente auf den Tisch gelegt, seit im Oktober letzten Jahres Harvey Weinsteins Machtmissbrauch gegenüber Schauspielerinnen öffentlich wurde: Der Aufschrei #MeToo war nur der Auftakt, millionenfach auf Facebook gepostet – «ich auch, auch mir ist es passiert», sexistische und sexuelle Übergriffigkeit in der...