Plädoyer für das deutsche Stadttheater
Wie soll die Zukunft des Theaters aussehen? Meine Antwort darauf ist: das Stadttheater bewahren – und weiterentwickeln! Es ist noch immer eine Utopie für mich: die Idee einer Versammlung verschiedenster Alters- und Berufsgruppen in ästhetischer Auseinandersetzung mit einer Sache und als Gesellschaft mit sich. Es geht darum, die Frage «wer bin ich, wer sind wir?» immer wieder neu zu stellen, in einem bewegenden, erschütternden, energetischen Austausch mit den Schauspielern auf der Bühne.
Theater und Demokratie wurden nicht zufällig zur selben Zeit im alten Athen erfunden, und Teil dieser Erfindung war das Theater für eine Stadt.
Das heißt nicht, dass ich gegen Projektförderung bin. Sie soll auch und verstärkt stattfinden. Ich finde es falsch, das gegeneinander auszuspielen und eine ideologische Diskussion zu führen. Allerdings bin ich gegen die Umwandlung von Stadttheatern in Produktionshäuser nach niederländischem Vorbild. Wenn ich nach Holland und Belgien blicke, sehe ich vor allem, wie viel Talent kaputtgegangen ist, wie viele Ideen verkümmert sind, weil die Strukturen fehlen, um Zuschauer an das Theater zu binden. Diese Bindung erfolgt immer über die Schauspieler, die Qualität ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 10
von Stephan Kimmig
TH Wir sitzen hier am Ende einer erfolgreichen Spielzeit, Ihrer ersten am Gorki Theater. Ihr Vorgänger Armin Petras hatte hier ein allseits geschätztes, sehr interessantes Theater gemacht, dass Sie sehr kurzfristig übernommen und gründlich umgekrempelt haben. Stadttheater sind ja eigentlich recht beharrliche Betriebe – wie geht das?
Shermin Langhoff Bei mir vor...
Ich stelle mir ein Theater vor, das mit 500 Menschen in einem Original-Gerichtssaal spielt. Ich stelle mir ein Publikum vor, das als Fahrrad fahrende Horde das Leben in einem Park neu choreografiert. Regisseure, die in den Laboratorien der technischen Universität mit Forschern Holografieperformances entwickeln. Ein Ensemble aus wechselnden Stadtbewohnern, das in...
Gehören Sie vielleicht auch zu jenen Zeitgenossen, die ihr Allerwelts-Ich für eine grandiose, singuläre, unverwechselbare Angelegenheit halten? Denken Sie auch, dass Sie mit Ihrer Kleinfamilie, Patchworkbeziehung oder Singledasein und den üblichen Alltagsproblemen ganz uneinholbar einmalig in der Welt stehen? Dass sich jeder für Ihre mickrige Meinung interessieren...
