Neuer Zirkus: Zusammenwirken und Vertrauen
Wie schnell man einen Ausnahmezustand für die Normalität halten kann, zeigt sich, wenn man das Ungewöhnliche der Ausnahme unter die Nase gerieben bekommt. Zum Beispiel im Genre des zeitgenössischen Zirkus. Dort lassen Artisten auch die absonderlichsten Leistungen meistens ganz leicht aussehen – ob sie sich nun zu Drei-Mann-Türmen übereinander stapeln oder einander bei Stürzen aus mehreren Metern Höhe knapp vorm Boden auffangen. Welche Schwerstarbeit all diese Vorgänge bedeuten, sieht man so gut wie nie.
Dabei lässt sich auch daraus Kunst machen – wenn man es so macht wie das Kollektiv My!Laika, das dem diesjährigen «Atoll»-Festival des Karlsruher Kulturzentrums Tollhaus einen fulminanten Abschluss bescherte.
Vorfreudige Verunsicherung
Mit zwei Programmen im eigenen Zelt war die internationale Truppe mit Sitz in Italien angereist, und schon allein dafür hätte sich das Festival gelohnt. Wo andere Artisten das Gewicht ihrer Körper durch ihre Kunst gewissermaßen verschwinden lassen, wird es bei My!Laika durch Shows mit Punkrock-Energie unterstrichen. Ob nun die famose Philine Dahlmann und Eiske van Gelder in «Popcorn Machine» ihre Akrobatik wie ein Martial-Arts-Duell auf Leben und ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Magazin, Seite 61
von Andreas Jüttner
Am Ursprung von Julius Heinickes Habilitationsschrift «Sorge um das Offene» steht eine Enttäuschung: die Erfahrung, dass die Theater zwar erkennen, wie ihre Konzentration auf ein weißes, bildungsbürgerliches Publikum angesichts einer sich rapide wandelnden Gesellschaft ein Problem darstellt, aus dieser Erkenntnis allerdings keine künstlerisch überzeugenden Schlüsse...
«Azione», ruft Milo Rau. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne des frühen Oktobertages, weiten sich wie gestapelte Bausteine die Höhlen der Sassi im süditalienischen Matera, seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe und 2019 europäische Kulturhauptstadt. In Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten das...
Albrecht Berblinger (1770–1829) war das Klischee eines schwäbischen Tüftlers: ein gelernter Schneider aus Ulm, der über Jahre hinweg eine «Flugmaschine» entwickelte, eigentlich ein Hängegleiter, der tatsächlich flugfähig war, bei einer öffentlichen Vorführung 1811 allerdings in die Donau stürzte und Berblinger dem Gespött der Bevölkerung preisgab. Der «Wir können...
