München: Mythen sprengen
Noch vor dem geschlossenen Vorhang, hell ist er mit dunkler Rückseite, kniet sie vorn an der Rampe und knallt mit regelmäßig dumpfen Schlägen die Stirn auf den Boden. Antigone, dramatisches Urbild alles Widerständigen gegen die Staatsgewalt, hat aus heutiger Sicht durchaus Potenzial zu einer Kamikaze-Fundamentalistin – besessen von der Vorstellung, Recht zu haben, nicht irgendeines, sondern göttliches. An ihrem Entschluss, den Bruder und Staatsfeind auch gegen menschengemachtes Gesetz zu bestatten, gibt es von Anfang an nichts zu rütteln.
Die eigentlich tragische Figur im mythischen Familiengemetzel ist vielmehr Kreon, der allzu autokratisch das verfluchte Erbe seines Schwagers Ödipus antritt und dafür vom Schicksal pädagogisch korrekt vernichtet wird – historisch gesehen könnte man darin auch ein stolzes Selbstvergewisserungsfanal der Athener Demokratie in ihrem goldenen Zeitalter lesen.
Hans Neuenfels, der mit Sophokles nach 16 Jahren ans Münchner Residenztheater zurückkehrt, hat sich vorgenommen, den Lauf der Tragödie auf mögliche Sollbruchstellen abzuklopfen. «Sprenge den Mythos (…) / Zerfetze die Segel, ändere den Lauf / Deines vorbestimmten Weges», heißt es da in einem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2017
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Silvia Stammen
Manchmal passt es besser, als man planen konnte. Natürlich wurde am Deutschen Theater Tennessee Williams’ «Die Glasmenagerie» auf den Spielplan gesetzt, bevor irgend jemand sich auch nur im Entferntesten vorzustellen vermochte, dass in den USA fünf Wochen vor der Premiere tatsächlich ein durchgeknallter Milliardär zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt...
Wenn es schon kein anderer macht, muss man es eben selber tun: Die Dramaturgie des Berliner Ensembles, allen voran Peymann-Lebensgefährtin Jutta Ferbers, hat ihrem scheidenden Direktor ein Buch spendiert: «Claus Peymann – Mord und Totschlag». Hermann Beil zitiert im Vorwort Thomas Bernhards Theatermacher Bruscon – «Lebenslängliche Theaterkerkerhaft / ohne die...
Verdienen wir überhaupt, glücklich zu sein?» Alexander, der wortkarge Typ vom Nachbargrundstück, hieß in Tschechows Originalversion der «Drei Schwestern» noch mit Nachnamen Werschinin, war russischer Offizier und bedauernswerter Gatte einer kranken Ehefrau, die er am Ende doch nicht mit den Kindern allein lassen wollte, obwohl ihm das Liebesglück für ein paar...
