Mord im Wald

Nach Andrea Maria Schenkel «Tannöd»

Theater heute - Logo

Wenn die grell leuchtenden Kreuze gleich am Anfang in den Schnürboden hinaufgezogen werden, heißt das nicht, dass fortan das rationale Denken auf der Bühne walten wird. Im Gegenteil. Die Zeichen der Kirche sind zwar verschwunden, aber in den Köpfen der Menschen bleiben (Aber-)Glaube und Bigotterie eingebrannt.

Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman «Tannöd» ist sicher mehr als nur eine Kriminal­geschichte, in der es um einen sechsfachen Mord auf einem Einödhof und um die nie zu Ende gebrachte Aufklärung der Schreckenstat in den 20er Jahren geht.

Dies allein wäre Stoff für eine reißerische Schande- und Schollen-Story aus dem leicht hügeligen und sehr hermetischen Oberbayern, eine Heimat-Räuberpistole fürs Heftchenformat. Schenkel interessierte sich vielmehr für das Schweigen und vor allem das Verschweigen, das in einer scheinbar intakten Gemeinschaft ausbricht wie eine Krankheit, wenn das Unvorhersehbare die fragile Ordnung erschüttert: Die frischen Leichen bitten die im Keller verscharrten zum Tanz.

Was sich zeigen ließe, wäre das Psychogramm einer gefährlich dumpfen Gesellschaft, in der jede einzelne Figur an ihrer Schuld zu ersticken droht und vor dem Hintergrund eines entsetzlichen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2008
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Bernd Noack

Vergriffen
Weitere Beiträge
Aus dem Ohrensessel um die Welt

Er kann eigentlich ganz anders sein, und es scheint, als käme er auch gar nicht mehr so selten dazu. Gewiss, «die Angst des Schauspielers vor der Bühne», wie Michael Wittenborn sagt, ist weiterhin da. «Wenn ich nicht die Freiheit hätte, wegzulaufen, dann würde ich da nicht rausgehen.» Nichts größer als sein Wunsch, die abendliche Vorstellung möge, durch welche...

Abfahrt auf der Hirnpiste

Die Legende geht, Alexander Wewerka habe 1983 bei der Gründung und gewerblichen Anmeldung seines Verlags nicht mal einen Namen für dieses Projekt gehabt. Im letzten Moment fiel ihm der eigene Vorname ein und eine Grafik von Roland Topor in die Hand. Der auf einem Gehirn wedelnde Skiläufer wurde, soweit ich das beurteilen kann, zum ungewöhnlichs-ten Logo der...

Frühgeburten, Vorläufer, Puzzleteile

Wer früher stirbt, ist nicht nur länger tot, sondern muss sich auch häufiger wiederentdecken lassen. Nun haben gleich zwei deutsche Theater Frühwerke von Bernard-Marie Koltès für Erstaufführungen aus der Vergessenheit auf die Bühne geholt. In seinen Zwanzigern hatte sich der französische Dichter und Theatermacher mit den großen Antihelden der europäischen Theater-...