Menschlein en marche

Im Münchner Residenztheater lässt Ulrich Rasche Hofmannsthals «Elektra» maschinell kreisen

Theater heute - Logo

Rasche-Bühnen sind pompöse Maschinenmonster – und Muster an Effizienz zugleich. Hier am Münchner Residenztheater, wo der minutiöse Monumentalmechaniker nun zum zweiten Mal inszeniert und technisch aus dem Vollen schöpfen kann, wird das besonders deutlich. Marschierten «Die Räuber» 2016 noch auf riesigen schwenkbaren Laufbändern unverwandt auf den Abgrund zu, so hat sich die Laufrichtung mittlerweile zum Kreis gebogen.

Wenn sich der eiserne Vorhang zu Hofmannsthals «Elektra» hebt, verhakt sich der Blick erstmal in Stahlstreben und Lochblechen eines haushohen zylindrischen Käfigungetüms, das wie ein Ufo aus einem dystopischen Science-fiction-Blockbuster im Bühnenturm gelandet zu sein scheint. 

Erst nach und nach werden die Bewegungen sichtbar, um derentwegen hier alles exakt so groß und wuchtig sein muss, wie es ist: Menschlein en marche auf riesigen Drehscheiben, dazu skandierender Sprechgesang, Musikschleifen in monotonem Crescendo, Lichteffekte auf dunklem Grund, das sind die Elemente, mit denen Rasche seit vier Jahren zuverlässig die großen Bühnen rockt und damit sein eigenes Maschinenzeitalter eingeläutet hat.

Potenziale der «Rasche-Masche»

Texte werden dabei nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Silvia Stammen

Weitere Beiträge
Bochum: Rettung des Abendlandes

Krachend fällt der Zivilisationsmüll vom Himmel: Matratzen, Plastikstühle, Zimmerpalmen, Klamotten. Was man eben so gebraucht hat vor der Apokalypse, die eigentlich nur ein schlichter Terroranschlag ist, 117 Tote. Stattgefunden hat er im Sex-Urlaubsclub «Eldorado Aphrodite», in dessen Trümmern ehemals satte, amoralische weiße Mittelstandsmänner umherirren und sich...

Wiedergänger der westlichen Welt

Wer Ueli Jaeggis Arthur, dem «Friseur aus Europa», tief ins Gesicht blickt, weiß alles über die westliche Zivilisation: ein stolzer Jüngling von Mitte Sechzig mit elastischen Augenringen und zarten Tränensäcken, der leichten Röte von Bluthochdruck im Antlitz und den gründlich verlebten Zügen, die Jahrzehnte im mittleren Genussmittel-Wohlstand mit sich bringen. Nur...

Kassel: Ziemlich beste Freundinnen

In einem Leitfaden der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kann man lesen, derzeit sei bei ungefähr 3,4 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger von einem Alkoholmissbrauch oder einer -abhängigkeit auszugehen. Pro Jahr würden das bis zu 3000 Menschen mit dem Tod bezahlen. Dann folgt eine Anleitung, wie eine sogenannte Intervention ablaufen könnte. Es...