Lebenszyklus eines Zynikers
Man kennt diese Typen. Kaum im Job aufgestiegen, richten sie sich und andere mit zynischer Zerstörungslust und gehörigem Selbst- und Lebensekel – weil sie erkennen, dass sie sich komplett verkauft haben – zu Grunde. Dabei sind sie natürlich nur auf der verzweifelten Suche nach einem Selbst, das in der allgemeinen universalen Käuflichkeit zwangsläufig irgendwo auf der Strecke geblieben ist.
Patrick Marbers neuester Held Howard Katz scheint erst am Ziel angekommen, als er mit der Wodkaflasche auf der Parkbank liegt (wo das Stück beginnt und endet) und alles verloren hat, was ihm verachtungswürdig oder gleichgültig geworden ist, sein Job als zweitklassiger Agent im Showbusiness, Frau und Kind.
Der fünfzigjährige Jude Katz steckt in einer ziemlich üblen Midlife-Crisis, die, wie er bemerkt, «größer ist als ich». Wie alle Zyniker ist er ein gescheiterter Moralist, den die Verkommenheit und Leere seines Metiers anekelt, der nach neuen Werten sucht und von dem Wunsch nach «Leben» getrieben ist. Verblüffend und neu ist, dass sein mehr oder weniger selbstprovozierter sozialer Abstieg, seine zunehmende Isolation nicht mit einem defätistischen Nihilismus korrespondieren (wie bei seinen ...
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Der Nihilismus ist auch nicht mehr das, was er mal war. «O glaub mir, es gibt keine Liebe! Alles Eigennutz, alles Egoismus», knallte der Schulprimus der Herzen, Melchior Gabor, seiner Geliebten Wendla beim Heuboden-Rendezvous bis dato immer frühreif an den hübschen Kopf. Heutzutage ist man da pragmatischer. «Du siehst so beschissen gut aus», konstatiert der...
Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefangengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen. «Die Gewalt des Konsens und der forcierten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singularität einschließlich...
Zu Hitler fällt mir nichts ein. Über das böse Wort von Karl Kraus gossen manche Moralisten ihre Häme aus, weil der Sprachpurist die richtige Setzung eines Kommas wortreich habe analysieren können, aber vor dem größten Thema seiner Zeit verstummt sei. Sie bekundeten damit nicht nur Unverständnis gegenüber der Ironie, sondern auch Ignoranz: Kraus erklärte 1934 in der...
