Kunst als Droge
Stücke sind out, Stückentwicklungen in – der Eindruck drängt sich beim Durchblättern der Spielpläne auch großer Schauspielhäuser seit Längerem auf, zumindest was die aktuelle Dramatik betrifft. Dabei wird oft unterschätzt, dass Selbermachen hier oft eines höheren zeitlichen Aufwands bedarf, den sich die Theater im engen Premierentakt dann doch nicht leisten wollen.
«Ein Projekt von Albert Ostermaier und Martin Kušej», so heißt die Produktion «Phädras Nacht» am Münchner Residenztheater im Untertitel, und so kann man schon mal sicher sein, dass hier poetisch und inszenatorisch Hochprozentiges ausgeschenkt wird. Im markanten Schulterschluss sind Autor und Regisseur angetreten, den aktuellen Themenkomplex Flucht, seelische Kriegsversehrungen, Abstumpfung und Entwurzelung mit einer mythischen Amour fou kurzzuschließen, die europäische Verstrickung im Afghanistan-Einsatz und dessen unheilvolle Folgen mit der generationenübergreifenden Fantasmagorie der liebeswunden Königin, die ihre Zurückweisung durch den Stiefsohn mit einem falschen Vergewaltigungsvorwurf grausam rächt.
Ganz vom Gefühl auszugehen, mag da zunächst kühn erscheinen, birgt allerdings auch die Gefahr, in der Doppelschau ...
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Theater heute Juli 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Silvia Stammen
Just an dem Tag im März, an dem Bundespräsident Steinmeier sagte, bei einigen «Menschen gerät, wenn sie anonym kommunizieren, die Sprache offenbar schnell außer Kontrolle» und es gebe nicht mehr die Haltung, dass auch der andere Recht haben könnte, stand in der Blue Box des Nürnberger Schauspielhauses Mark Zuckerberg auf der Bühne und flehte eine junge Frau an:...
Einmal stolpert sie fast, bei ihrem Gang an die Bühnenrampe. Da vorne wird sie die folgenden eineinhalb Stunden ausharren, aufrecht, gespannt wie eine Feder. Erst wenn ihr der Bote die schlechten Nachrichten überbringen wird, verfällt sie. Das Drama dieses Abends spielt sich im Gesicht und Körper der Christiane von Poelnitz ab.
Sie spielt Agossa, die Mutter des...
Ich möchte im Folgenden einige dringliche, bruchstückhafte und unfertige Gedanken über unsere globale Gegenwart mit Ihnen teilen; darüber, was unsere heutige Zeit im Kern ausmacht; was diesen eigentümlichen Moment, den unsere Welt derzeit durchlebt, beschreibt. Da es letztlich auch darum geht, unserer Zeit einen Namen zu geben, erlaube ich mir zu behaupten, dass...
