Klischee und Schmonzette
Eigentlich hatte die Inszenierung bei mir im Vorfeld schon gewonnen! Der Wirtschafts- und Finanzcrash bringt ja zurzeit geballte Krisenfolklore über das Theater: Überall strampeln wackere, redliche «kleine Leute» in existenzieller Verzweiflung gegen skrupellose Zigarren-Kapitalisten und/oder Pokerface-Banker an, was naturgemäß den Vorteil hat, dass sich neunzig Prozent des Parketts gerührt zurücklehnen können, weil sie weder der einen noch der anderen Gruppe angehören, für die «kleinen Leute» aber seit jeher eine große Fernsympathie hegen.
Und dann vergegenwärtigt Karin Beier Ettore Scolas Prekariatsfilm «Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen» von 1976, lässt die «kleinen Leute» nicht etwa wacker – und schon gar nicht redlich – strampeln, sondern für Cent-Beträge ihre Nächsten krankenhausreif schlagen, vergewaltigen oder Giftmordanschläge verüben, und nennt das Ganze im Untertitel «Eine bemerkenswert mitleidlose Komödie». Da die Schauspieler ausdrücklich in einer formalen Setzung – nämlich einem verglasten Container – stecken, sind unreflektierte Repräsentationsanmaßungen eigentlich nicht zu befürchten: Die Menschenzoo-Installation spielt den Deutungsball ...
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Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die Inszenierung des Jahres, Seite 127
von Christine Wahl
1. Teil Spurensuche
Früher begann der Tag mit einer Schusswunde. Im Juni 1967 reist Ernst Wendt für «Theater heute» zur Experimenta nach Frankfurt am Main. Hier sein Bericht aus Heft 7/67:
«Der Schuß, der den Studenten Benno Ohnesorg in den Hinterkopf traf, fiel während der ersten Stunde der Experimenta II, das Stockholmer Scala-Theater zeigte im Theater am Turm...
Es gibt eine Fotografie, die zeigt Elfriede Jelinek 1998 an der Seite von Einar Schleef auf der Bühne des Wiener Burgtheaters. Gespielt wird «Ein Sportstück». Jelinek und Schleef stehen auf einem Bodentuch, das mit einem Text bedruckt ist. Er im Frack, sie mit einer Kladde in der Hand, als seien sie Sänger und Pianistin eines Konzertabends. Vielleicht Schubert....
Die Idee zu dem Stück sei ihm in Südamerika gekommen. Dort, an der Grenze zwischen Chile und Argentinien, plane man, einen ganzen Gletscher abzutragen und anderswo wieder aufzubauen, um an die darunter liegenden Bodenschätze zu kommen. Was wäre, schreibt Philipp Löhle, wenn «man etwas ganz Fernes einfach aufs Hier überträgt, auf uns, auf unsere Gegend, unsere...
