Kindgerechte Märchenhaltung
Gab man bei Google Anfang 2005 die beiden Suchbegriffe «kindgerecht» und «Theater» ein, dann erhielt man als erstes Suchergebnis einen Gästebucheintrag vom Theater Bautzen mit folgendem Wortlaut: «Am letztem Sonntag besuchten ich und meine beiden Söhne die Familienvorstellung des angeblichen Weihnachtsmärchens ‹Der gestiefelte Kater›. Mit großem Entsetzen musste ich feststellen, dass Schimpfworte wie ‹Du, Idiot!› in dieser Inszenierung frei den Kindern vor die Füße gewurfen werden.
Es ist schlimm, dass man sowas nun auch im Theater hören muss, von Filmen und Serien ist man das ja bereits gewohnt. Doch muss auch im Weihnachtsmärchen dieser rüde Ton angeschlagen werden, für die Kinder ist nur mehr ein Grund diese Worte zu benutzen. Mit freundlichen Grüßen, Annika B.» (Rechtschreibfehler von der Autorin).
Solche pädagogische Vorsicht mag man komisch finden, aber höchstwahrscheinlich beschreibt Frau B.’s ehrliches Entsetzen exakt die Kunstentfremdung von Menschen, die genau einmal im Jahr ins Theater gehen: im Dezember mit den Kindern zum Weihnachtsmärchen. Erwartet wird dann eine ästhetische Dienstleistung, die möglichst reinlich die elterlichen Erinnerungen an Märchenbücher der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Ihre Stimme kann komische Sachen machen. Auf dem Tonband unseres Gesprächs ist sie oft sehr leise. Nur wenn sie lacht, wird’s laut. Auf der Bühne aber hat Katja Reinke Stimmen zur Verfügung, die sie wie die Register einer Orgel zieht und überlagert. Fast unheimlich verwischt sie dabei akustisch ihr Alter. Am Telefon hätte man wenig Chancen, Reinke zu verorten. Kann...
Narzissmus ist eine Zeitkrankheit. Keine individualpsychologische Charakterstörung, sondern eine soziologische Diagnose. Ökonomisch verbrämt als «Selbstmanagement», philosophisch kaschiert als «Selbstsorge» oder «Freundschaft mit sich selbst» wird von allen Seiten die Steigerung der Konzentration auf sich selbst gefordert. Jede Situation, in die wir geraten, jede...
Neulich bei Kanzlers zu Hause: Da steht der Chef aller Deutschen mit offenem Hemd und Rotweinglas, und seine Tochter kommt vom Disco-Besuch nach Hause. Der war leider nicht sehr sexy, weil es wohl nichts auf der Welt gibt, wo Personenschutz so peinlich stört wie im Nachtleben. «Papa, wir leben hier wie im Knast», erklärt die Kleine unserem Bundeskanzler und trollt...
