Kampf um die Kunst
Die drei Künstlerfiguren, um die herum sich nacheinander die Kulturkämpfe von Thomas Melles «Ode» entfalten, sind eines schon mal nicht oder zumindest nicht in reinster Form: weiße, heterosexuelle Normalmänner aus dem Bürgertum. Die Konzeptkünstlerin und Direktorin der Kunstakademie Anne Fratzer, die die Öffentlichkeit mit einer unsichtbaren Luft-Skulptur unter dem Titel «Ode an die alten Täter» brüskiert und sich später das Leben nimmt, entstammt einem Gewaltverbrechen und lebt in einer lesbischen Partnerschaft.
Der politisch links stehende Theatermacher Orlando, der fünf Jahre später an sie erinnern will, ist Sohn einer migrantischen Putzfrau und war einmal Unterschicht. Noch einmal Jahre später hat die geschlechtlich non-binäre Performer*in Präzisa ihren abschließenden Auftritt. Sie alle haben bei genauerer Betrachtung mindestens eine lindenblattartige Markierung, die sie verletzlich und potenziell diskriminierbar macht, aus der sie aber auch ihre künstlerische Kraft und Fantasie beziehen.
Einen nach der anderen schickt Thomas Melle in eine wortgewandte Schlacht um die Freiheit der Kunst. An ihr sägen in «Ode» zwei Gruppen, die jeweils unbenannte Stimmen bündeln: Zum einen ...
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Theater heute Februar 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 27
von Eva Behrendt
Aufführungen
In Basel widmet sich Stefan Bachmann dem Amoklauf eines Staatsanwalts zwischen Befreiungsheld und Despotie: «Graf Öderland». Bei Michael Thalheimer im Berliner Ensemble laufen dagegen die «Gastarbeiter»-Feindbilder des Wirtschaftswunders Amok: Rainer Werner Fassbinders «Katzelmacher». Nebenan im Maxim Gorki will Christian Weise mit Shakespeares...
Anfang Dezember fand die bislang größte Theaterdemonstration in Ungarn statt. Drei Repertoiretheater und einige unabhängige Theater riefen zu einer «Demonstration für das freie Theater und die Unabhängigkeit der Künste» auf. Künstler verschiedener Generationen und aus diversen Kunstorganisationen ergriffen das Wort. «Kultur ist ein nationales Gut» wurde zum Motto...
Im Schauspiel muss man schauen, lange schauen. Leise rieselt der Schnee auf eine geborstene Villa. Käuzchen schreien, Wölfe heulen, es donnert in der Heimat hinter den Blitzen rot. Stumm stehen die Tannen herum. Eine Lawine hat den Konzertflügel unter sich begraben. Sieben Tote liegen starr im verharschten Firn. Spät kommt das Personal: ein weinendes Kind, eine...
