Jammerchor
Die reflektierte Trauer der verlassenen Frau sei künstlerisch nicht darstellbar, weil sie rein innerlich sei, meinte Kierkegaard. Nur als Schattenriss, der sich gegen den Hintergrund abhebe, werde solche Trauer deutlich, und er zeigte dies an den großen Verlassenen der Dramengeschichte: Gretchen, Marie Beaumarchais, Doña Elvira.
Roland Barthes erkannte dagegen, dass genau in dieser rein innerlichen Verzweiflung der Verlassenen ein genuin theatralisches Moment liegt: Die Redseligkeit, das Mitteilungsbedürfnis der oder des Verlassenen führt dazu, dass man sich selbst zu Tränen rührt: «Ich bin mir selbst mein eigenes Theater.»
Diese theatralische Selbstinszenierung verlassener Frauen ist der Ansatzpunkt für Tina Müllers neues Stück. Mit sprachlichem Witz, geschärfter Beobachtungsgabe und dem dramaturgischen Werkzeugkasten einer Absolventin des Studiengangs Szenisches Schreiben an der UdK Berlin analysiert sie detailgenau die verschiedenen Stadien des Verlassenseins. Vom entscheidenden «Anruf» über «Schock» zu «Warum?», «Verrat», «Hoffnung» und «Essstörung», zu «Erinnerung», «Depression», «Verwahrlosung» und «Identitätsverlust» – jeder Phase eine Phrase, jeder Rolle eine Szene. ...
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