Jammerchor

Tina Müller: «Verlassen» in Düsseldorf

Theater heute - Logo

Die reflektierte Trauer der verlassenen Frau sei künstlerisch nicht darstellbar, weil sie rein innerlich sei, meinte Kierkegaard. Nur als Schattenriss, der sich gegen den Hintergrund abhebe, werde solche Trauer deutlich, und er zeigte dies an den großen Verlassenen der Dramengeschichte: Gretchen, Marie Beaumarchais, Doña Elvira.

Roland Barthes erkannte dagegen, dass genau in dieser rein innerlichen Verzweiflung der Verlassenen ein genuin theatralisches Moment liegt: Die Redseligkeit, das Mitteilungsbedürfnis der oder des Verlassenen führt dazu, dass man sich selbst zu Tränen rührt: «Ich bin mir selbst mein eigenes Theater.» 


Diese theatralische Selbstinszenierung verlassener Frauen ist der Ansatzpunkt für Tina Müllers neues Stück. Mit sprachlichem Witz, geschärfter Beobachtungsgabe und dem dramaturgischen Werkzeugkasten einer Absolventin des Studiengangs Szenisches Schreiben an der UdK Berlin analysiert sie detailgenau die verschiedenen Stadien des Verlassenseins. Vom entscheidenden «Anruf» über «Schock» zu «Warum?», «Verrat», «Hoffnung» und «Ess­störung», zu «Erinnerung», «Depression», «Ver­wahrlosung» und «Identitätsverlust» – jeder Phase eine Phrase, jeder Rolle eine Szene. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2009
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Gerhard Preußer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Geschichten aus dem Exil

Nach 42 Produktionen mit 275 Aufführungen an 21 Orten, 125.000 verkauften Eintrittskarten und einer Auslastung von 94 Prozent, so die Bilanz des Festivals, knüpft das Leitungsduo Hortense Archambault und Vincent Baudriller quantitativ an die Vorjahreserfolge an. Qualitativ stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, fast lückenlos den weltweiten Festivalmainstream...

Reden ist Silber

Das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele begann in diesem Sommer mit einem Monodram von Daniel Kehlmann. Die durch und durch werktreue Uraufführung – der Autor spielte selbst – war ein Publikumserfolg. «Die Lichtprobe», so der Titel, ist ein sehr persön­licher Text. Kehlmann erinnert sich darin an seinen 2005 verstorbenen Vater, den Theater- und...

Ermittlung gegen ein Schaubild

Man kann sich Peter Handke gut vorstellen, wie er frühmorgens am Rand eines noch leeren Platzes – nicht im Zentrum der Metropole, eher in der Vorstadt – im Café sitzt, schaut und protokolliert, wie das Leben erwacht. Aber natürlich ist er nicht der bloße Zuschauer, wie er sich gern stilisiert. Die wimmelnden Menschen werden ihm zu Figuranten eines neobarocken...