Im Teenagerreservat
Man sollte das mit dem «Tierreich» im Titel ernst nehmen, wenn es in Leipzig um Jungmenschen auf der Abschussrampe ins Leben geht. Sie verhandeln angesagte Songtexte, suchen nach einem neuen Namen für die Schule, hassen wie eh und je Eltern und Lehrer, wollen in der Schülerzeitung über den globalen Waffenhandel oder vielleicht doch über Palästina schreiben. Das geht munter hin und her und wird in einem Mix aus Regieanweisungen, eingestreuten Dialogen und fluktuierenden Erzähltexten verhandelt. Man meint, in einen Adoleszenz-Zoo einzutreten und ist in Gefahr, sich dort zu verlaufen.
Vor welcher Spezies stehe ich gerade? Ist das noch das Freiluftgehege mit der unglücklich verliebten Steppenantilope, schon das Gatter mit dem Hyänenrudel auf Ecstasy oder doch der Käfig, in dem der selbstmordgefährdete Junglöwe traurig seine Runden dreht? Sie heißen Miri, Lennart und Vanessa, wandeln als pubertierende Zombies durchs Leben und erinnern vage an jene Jugendlichen, die wir aus Frank Wedekinds «Frühlingserwachen» kennen. Aus der «Kindertragödie» von 1891 hat das Autorenduo Michel Decar und Jakob Nolte einzelne Motivstränge und Figurenansätze übernommen, bevor es ein Sammelsurium heutiger ...
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Theater heute Januar 2015
Rubrik: Chronik Leipzig, Seite 56
von Jürgen Berger
November 2014. In zwei Wochen beginnen die Proben zu «Zement» von Heiner Müller am Maxim Gorki Theater. Dieser Stoff war ein Vorschlag des Hauses, den ich mit Freude angenommen habe. Also musste ich «Zement» wieder lesen und war einigermaßen gespannt darauf, welche Relevanz der Text jenseits seiner ästhetischen Qualität jetzt, genau 25 Jahre nach dem Mauerfall,...
Vielleicht ist nichts, wie es scheint. Wenn man statt der Augen grüne Gläser hätte, hielte man die Welt für grün – und das Falsche für wahr. So ähnlich sagte es Kleist, sein berühmtes Zitat hat der Niederländer Bram Jansen seinem «Käthchen von Heilbronn» im Schauspiel Oberhausen zu Beginn auf den Gazevorhang projiziert. Kurz leuchtet ein Märchenkasten auf, eine...
Über Heiner Müller schreiben, heißt, über einen Verlust schreiben. Heiner Müller, der große deutsche Dichter, dem der Zweite Weltkrieg und die DDR historische Prägung waren, hat uns Texte von ungeheurer Wucht geschenkt, mit Figuren, durch die der Riss der gebrechlichen Einrichtung der Welt geht.
Auf den deutschen Bühnen kommen seine Texte viel zu selten vor. Nach...
