Im Mausoleum der Gemütlichkeit
Ihren größten Trumpf spielten die Wiener Festwochen 2009 erst zum Schluss aus. Die letzte Produktion des Festivals war als erste ausverkauft gewesen und auch von Menschen mit Spannung erwartet worden, die nicht zum engeren Kreis der Theaterinteressierten gehören. Wien fieberte der Weltpremiere einer «Othello»-Inszenierung von Peter Sellars entgegen. Warum, ist leicht erklärt: Als Jago stand Philip Seymour Hoffman auf der Besetzungsliste.
Weißer Außenseiter Jago?
Der auf die Darstellung verklemmter Nerds spezialisierte Filmstar ist für die Rolle keine schlechte Wahl; auch Jago ist ja nicht unbedingt ein Mensch, der sich wohlfühlt in seiner Haut. Hoffman legt ihn als gedemütigten, dumpfen Brüter an, der aus seiner kriminellen Energie keine Lust gewinnt, eher im Gegenteil. Hoffman trägt schwer an der Last seiner Bosheit. Den massigen Körper schleppt er etwas gebückt über die Bühne, den massenhaften Text nuschelt er mit starkem amerikanischen Akzent aus sich heraus (wobei ihm bei der Premiere zwei Mal die Souffleuse auf die Sprünge helfen musste).
Es ist ein schwer analysierbarer Cocktail aus Neid und Frustration, Minderwertigkeitskomplexen und Machtfantasien, der Jago zu seiner ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
«Ich könnte vielleicht Puppen herstellen, die Herz, Gewissen, Leidenschaft, Gefühl, Sittlichkeit haben. Aber nach dergleichen fragt in der ganzen Welt niemand. Sie wollen nur Kuriositäten in der Welt; sie wollen Ungeheuer. Ungeheuer wollen sie.» Die Klage des alten Wachsfiguren-Schöpfers Tino Percoli in Joseph Roths Roman «Die Geschichte der 1002. Nacht» könnte...
… heißt das dokumentarische Theaterstück über junge Menschen in Teheran, das Claudius Lünstedt nach einem längerem Iranaufenthalt geschrieben hat und das dem nächsten Heft beiliegen wird. Das iranische Jahr 1386 enstpricht dem westlichen 2007/2008. Im selben Jahr entstand auch dieses Foto von den schiitischen Passionsspielen Ta’ziyeh, die alljährlich im Januar...
Eine gehörige Portion Frechheit gehöre schon dazu, räumt Tristan Vogt ein und ordnet auf dem wackligen Campingtisch die Welt neu. Es ist Kafkas Welt in diesem Fall, aber das sieht man der Szenerie eigentlich gar nicht an. Klischees haben auf der Resopalplatte sowieso keinen Platz. Das Schloss, um das es hier gehen soll, muss man sich auch denken; das Dorf besteht...
