Im Angesicht des Nichts

Peter Handke «Publikumsbeschimpfung». Von Simone Meier

Theater heute - Logo

Die selbstverständlich selbstreflexive Dekonstruktionsfreudigkeit der performativen Künste, in deren Anfänge Handkes «Publikumsbeschimpfung» einmal gehört haben mag, schlägt noch immer die allerkühnsten Kapriolen. René Pollesch zum Beispiel, das ist Metacomedy
für Intellektuelle, die schon alles wissen! Peter Handkes Klassiker von ’68 dagegen ist inzwischen tief in seinen frühstudentischen Sorgen und Manierismen eingemauert. Laurent
Chétouane unternimmt dennoch einen Befreiungsversuch.



Drei Frauen und ein Mann bewegen sich da in wechselnden Kostümierungen (der Mann bald in Frauenkleidern) in einem Bühnenbild, das aus ein paar Gerüststangen, einem Tisch, Stühlen und einem Podest mit Hamlet-Totenschädel besteht, und reden dazu sorgfältig Hand­kes fossile Sätze aus einer Theorie der theatralen Auflösung und Umkehrung. Sie reden auch darüber, dass das Publikum nun selbst zum ornamentalen Massenschauspiel wird (Handke hat damals seinen Kracauer gewiss gründlich gelesen) und somit auch zur sich einlullen lassenden und ergo mitlaufenden Masse. Sie machen uns ebenfalls klar, dass wir uns hier fernab von jeder Fiktion befinden, von jeder erzählerischen, zeitlichen und räumlichen, dass also ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2011
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Simone Meier

Weitere Beiträge
Nachrufe

Im Dezember und Januar sind zwei langjährige Mitarbeiter von «Theater heute» gestorben.
Werner Schulze-Reimpell, ein Urgestein der deutschen Theaterkritik, noch bis vor wenigen Jahren ein unaufgeregter Beobachter jeder wichtigen (und vieler nicht so wichtiger) Premieren, schrieb für viele Blätter, gehörte zu den Mitbegründern des seit 1976 vergebenen Mül­heimer...

Zeitspiegel

Ansichten eines Kritikers: Herbert Ihering (1888-1977) gehörte zu den wichtigsten Theaterkritikern in der Weimarer Republik. Dabei war er mehr als ein Schöngeist mit Schreibe, pochte auf die gesellschaftliche Funktion der dramatischen Kunst und mischte sich kultur­politisch ein. Nun liegt eine Edition seiner verstreuten Bemerkungen über Kritik und Kultur, Politik...

Räume aus Sound

Jede Zeit liebt ihre Schauspieler auch für die Sprachmusik. Alexander Moissi tremoliert am Rande der Erschöpfung, Will Quadfliegs Monologe klingen aus tiefer Brust empor, Bruno Ganz stanzt die Worte, als folge er einem unregelmäßigen Taktstock, und Sophie Rois hustet Noise, wenn ihr Kehlkopf mal wieder zu streiken vorgibt. Auch die letzten Regisseure, die noch als...