Hingetuschte Möglichkeiten
Auch die Hexen haben heute Notebooks. Manierlich setzen sie Macbeth an den Feldtisch, ein Klick, und er hat ihre Prophezeiungen vor sich auf dem Bildschirm: Schottlands künftige Könige in digitaler Prozession; Gefahr droht von keinem, den eine Frau geboren hat; solange der Wald von Birnam nicht aufs Schloss zumarschiert, kann nichts passieren.
Die Dreizehn-Zoll-Visionen sind eine hübsche Pointe dieser Hexen, die sich im Übrigen folkloristisch nicht lumpen lassen und daherkommen wie aus dem Bilderbuch, schrumpelig, erdfarben.
Sie wirbeln gern Silberschalen in die Luft, bringen Tische zum Rotieren und greifen zwecks Menscheneinschüchterung auch schon mal zu altbewährten Tricks wie Riesenfratzen und Nebelmaschine. Bunt, verspielt und etwas uneinheitlich ist dies Hexenweibervolk – wie die «Macbeth»-Inszenierung der alten Theaterzauberin Ariane Mnouchkine ingesamt.
Es hat ja immer seinen besonderen Charme, wenn man nach Vincennes hinausfährt, am Schloss vorbei in die alte Kartuschenfabrik. Im Hof des Théâtre du Soleil blühen die Kastanienbäume, über dem Eingang steht in klaren Lettern «Liberté, Egalité, Fraternité» und in der Tür wie seit Jahr und Tag sie selber, die Patronne, und ...
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Theater heute Juli 2014
Rubrik: Ausland, Seite 22
von Andreas Klaeui
Der Mann, ein König, ein Tyrann, stürmt aus der Tiefe des Raums im wehenden Mantel, als wolle er alle Welt gleich überrennen. Schon ist er nah, da fährt ein unsichtbarer Blitz ihm in die Glieder, und mit dem Mann scheint auch die ganze Welt für einen Augenblick stillzustehen. Der Mann im Innehalten sagt kein Wort, nur fällt in dieser langen, kurzen Weltsekunde sein...
Buenos Aires, in einem Opernfoyer vor der Aufführung von «La Traviata»: Ein junger Mann bricht zusammen, ein Arzt leistet Erste Hilfe und stellt die Diagnose «chronische Unterernährung». Unter den Umstehenden entzündet sich eine Diskussion darüber, ob man den Wert der Eintrittskarte für diesen Nicht-Privilegierten spenden sollte und über mangelnde Solidarität...
Schon nach ein paar Minuten rinnt der Schweiß. Auf weißer und schwarzer Haut. Eben noch hat sich Franck Edmond Yao auf dem Boden gewunden, denn auf ihm thronte Hauke Heumann. Nun ist es umgekehrt: Platt liegt der weiße Doppelkinnträger auf dem Bauch und keucht unter dem muskulösen Schwarzen, der lässig in den Knien wippt: «Ich lass doch das Problem nicht...
