Herzensergießung und göttlicher Zorn
Romanadaptionen kränkeln häufig daran, dass sie sich mit dem Nacherzählen begnügen; die Schauspieler fungieren halb als Erzähler, halb als Rollenträger: Es sind die vielgeliebten Märchenstunden des zeitgenössischen Theaters. Der oft verkannte ukrainische Regisseur Andriy Zholdak dagegen macht keine halben Sachen; er haut nicht nur auf die Pauken, er stößt auch in die Trompeten. Bildlich und buchstäblich: Laute, enervierende Musik gehört unbedingt dazu. Aber was für eine Energie steckt in diesem Dostojewski-Abend! Vier Stunden voller Spiellust, voller Wehmut, voller Anarchie.
Fürst Myschkin, den alle für einen Idioten halten, weil seine Sanftmut und seine Offenheit nicht von dieser Welt sind, verliebt sich in zwei Frauen gleichzeitig – und das ganz ohne Arg. Aglaja, die jüngste Tochter eines Generals, ist hübsch, lieb und klug. Nastassja Filippowna, das sexuell missbrauchte «Ziehkind» eines Lebemanns, ist launisch, impulsiv, unberechenbar. Einmal – eine tolle Szene – wirft sie 100.000 Rubel in einen Ofen, um zu sehen, welcher ihrer Verehrer sich die Finger verbrennt, um sie zu erobern. Myschkin ist hin- und hergerissen zwischen Aglajas warmer Vernunft und Nastassjas herausfordernder ...
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Theater heute Dezember 2011
Rubrik: CHRONIK, Seite 50
von Martin Krumbholz
Nachdem er erst poststrukturalistisch, dann systemtheoretisch und schließlich managementphilosophisch ausgeholt hat, geht Michael Börgerding aufs Ganze: «Ich gehe davon aus, dass wir das alle wollen: glücklich sein am Theater, Glück möglich machen im Theater, das Glück suchen im Theater.» Dreimal Glück und Theater!Der langjährige Hamburger Chefdramaturg,...
Im Jubiläumsjahr 2011 ist Heinrich von Kleist 200 Jahre tot und Adolf Dresen, der in den 70er Jahren ein großer Kleist-Regisseur in der DDR war, zehn. «A. ist jetzt tot», mit diesem Satz enden viele Kapitel der «Bilder von A.», in denen ohne große Versteckspielerei Barbara Honigmann die Geschichte ihrer schwierigen Liebe zum 15 Jahre älteren Dresen erzählt, durch...
Eine Herbstreise durch die Romane inszenierende Theaterlandschaft könnte endlos dauern. Tatsächlich ist ja, seit Frank Castorf irgendwann Mitte der 1990er Jahre anfing, schwere Russen-Romane oder feuilletonistische Zeitgeistergüsse in exaltierte Bühnenwelten zu verwandeln, aus dem interessanten Sonder- ein dramaturgischer Normalfall geworden. Ein Paradox befeuert...
