Heinrich, mir graut vor dir!
Angesichts der großen Erregung, die jedesmal durch die Gesellschaft geht, wenn ein Fall von Kindesmissbrauch publik wird, ist es erstaunlich, wie ungestraft große Dichter davonkommen, wenn sie solchen Neigungen im wirklichen Leben oder in ihren Texten nachgehen. Dass Edgar Allen Poe seiner 13-jährigen Cousine nachgestellt hat und sie schließlich heiratete, ist vermutlich den meisten seiner Leser unbekannt. Bei Lewis Carroll wurde es eigentlich nur deswegen degoutant, weil er so komische Fotos von der kleinen «Alice» geschossen hat.
Und bei Kleist und Goethe stellen sich Regisseure wie Publikum endgültig taub. Kann man das beim Heilbronner Käthchen noch irgendwie verstehen, weil diese gerade 15-Jährige selbst die Initiative ergreift, um einen älteren Mann zu erobern (selbst wenn der sie auspeitscht), kann man auch Romeo vergeben, weil er ja kaum älter als seine 14-jährige Julia Capulet sein dürfte, so stellt sich der Fall bei Heinrich Faust doch ein wenig anders dar.
Im Musikzimmer des Missbrauchs
Hier verführt und schwängert ein älterer Mann ein Kind und überlässt es anschließend seinem Schicksal. Und trotzdem gibt es so gut wie keine «Faust»-Inszenierung, die dieses angeblich so ...
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Theater heute Mai 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Till Briegleb
Eigentlich ein Routinetermin. Seit fast zwei Monaten war ein Interview zur Situation der Berliner Theater mit Kulturstaatssekretär Schmitz vereinbart, der für den nebenberuflichen Kultursenator und Regierenden Bürgermeister Wowereit seit mehr als fünf Jahren hauptamtlich den Kulturkarren der Hauptstadt zieht. Inzwischen hatten sich einige hakelige Themen...
Am Schluss verbeugen sie sich vor sich selbst und das zu Recht. Die spiegelnden Plexiglaswände des Kubus, den Annette Murschetz so eng in den Münchner Marstall eingepasst hat, dass vor den Seiten jeweils nur Platz für zwei bis drei Sitzreihen bleibt, werfen den sechs todesmutigen Schaukämpferinnen im Inneren das eigene erschöpfte und erleichterte Bild zurück. Zwei...
Er habe das Stück 2004 «unter dem Eindruck der Folter-Fotos aus Abu Ghraib» geschrieben, erklärt Bruce Norris im Programmheft und wirft die Frage auf, warum er seine zwischen allen Genres lavierende sozialkritische Imperialismuskomödie dann ausgerechnet in Afrika spielen lässt. Die als Weltpolizei gebrandmarkte Supermacht gehört dort ausnahmsweise mal nicht zu den...
