Hamlet auf See
Einen Monat vor meinem achtzehnten Geburtstag schenkte mir meine Freundin eine Seite Nietzsche. Der Text begann: «Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer.»
Kurz darauf zog ich fort. In der Hamburger Kunsthalle verbrachte ich einige Stunden bewegungslos vor dem Gemälde «Der Wanderer über dem Nebelmeer» mit dem Versuch, der Mann im Bild zu werden.
Wandern erinnerte mich an deutsche Volkslieder und die Lieblingsfreizeitbeschäftigung meiner Eltern, an der teilzuhaben meine Schwester und ich von früh auf genötigt wurden. Romantik war auch suspekt, galt mir als Wiege bürgerlicher Gesellschaft und Grabgeläut revolutionärer Literatur, Hölderlin, Kleist, Büchner.
Nietzsche kamen erst später und noch nicht vor; außerdem war «Gott ist tot» da, wo ich herkam, kein sehr beliebtes Motto. Man hielt es lieber mit Norbert Blüm.
Früh wurde mir Theater zum Reiseerlebnis. Sobald ich den Führerschein hatte, fuhr ich mit meinem einseitig Geliebten nach Berlin. Im weißen VW-Polo, mit Choke-Knopf zum Rausziehen beim Kaltstart, zur Schaubühne, Peter Stein, «Drei Schwestern». Sprachlose Heimfahrt direkt nach dem ...
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