Geld verdirbt den Charakter
Ganz Charlottengrad ist auf den Beinen. Mit Pelzkrägen, High Heels und Dekolletés, die tief zwischen hochgeschnürte Brüste blicken lassen. Mit Kussmündern, vielleicht nachgespritzt, und reichlich blauem Lidschatten. Überhaupt, mit Farbe! Kurvenschmeichelndes Grün, frivoles Pink und leuchtendes Sonnengelb, passend zur nachtschwarz gefärbten Haarpracht. Dazu bonbonfarbene Handtaschen, in Gold gefasste iPhones, funkelnde Brillianten.
Ein Paradiesvogelschwarm hat das sonst eher gedeckt-gedämpfte Foyerleben der Berliner Schaubühne aufgescheucht und in einen Ort der Sinnenfreude und des Überschwangs verwandelt. Mitgeschleift aussehende Männer stehen dazwischen wie Bremsklötze herum und lassen ihre Begleiterinnen umso glanzvoller erstrahlen. Anlass des ungewohnten Auftriebs: das Moskauer Gastspiel von Strindbergs «Fräulein Julie», dortselbst im Januar inszeniert vom Intendanten der Schaubühne, Thomas Ostermeier.
Im Mercedes auf die Probe
«Schauspieler, besonders die berühmten, genießen in Russland immer noch einen besonderen Status. Sie werden von ihrem Publikum abgöttisch geliebt», hat Ostermeier kürzlich, zurückgekehrt von den Proben im Moskauer Winter, der Berliner Wochenzeitung ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 11
von Eva Behrendt
Am Tag nach seinem Tod, als sei das Leben ein Staffellauf, präsentierten die Spitzen der Politik den künftigen Bundespräsidenten. Umringt von westdeutschen Heuchlern vor den Kameras: eine Pfarrerstochter und ein Prediger aus der untergegangenen Republik. Deren Stimmen hatten einen so auffallend anderen Klang, als sei von den Träumen vom besseren Vaterland gegen...
Jeder, der heute über das HAU schreibt, hat genau genommen zu wenig Ahnung. Kein Kritiker, Zuschauer, Fan – vermutlich nicht einmal Matthias Lilienthal selbst – hat jede der 120 bis 150 Produktionen gesehen, die Jahr für Jahr dort durchgeschleust werden. Zahlen sind vielleicht langweilig, aber manchmal nicht zu vermeiden. Ein fleißiger Kritiker geht 100 Mal pro...
Das HAU ist ein schwer festzunagelndes Lieblingstheater. Eines seiner Vorgänger in dieser Kategorie, die Berliner Volksbühne, war da deutlich leichter zu fassen mit ihrer Aura aus Arroganz, Exzentrik und Rock’n’Roll. Man konnte sich buchstäblich wärmen an diesem oft mit einem Panzerkreuzer verglichenen Haus, von dem der ehemalige Volksbühnendramaturg Matthias...
