Gedenket ihrer!

Shakespearebeschwörungen in Wien und Zürich: Falk Richter zeigt «Julius Cäsar» am Burgtheater, Jan Bosse inszeniert «Hamlet» mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle im Zürcher Schiffbau

Theater heute - Logo

Wir Bildungsbürger und Abonnenten, Shakespearefreunde und Humanisten, wir Theaterkritiker und von engagierten Lehrern herangeschleiften Gymnasiasten – wir sind das Volk. Damit wir das nicht vergessen und auch nicht, dass die Tragödien des britischen Renaissance-Dramatikers William Shakespeare mit uns, dem Volk, zu tun haben, werden wir als solches angesprochen und einbezogen in Falk Richters «Julius Cäsar» an der Wiener Burg und in Jan Bosses «Hamlet» am Schauspielhaus in Zürich.



In Wien sind wir verwöhnte, opportunistische, launische Römer, um deren Gunst die Politiker mit Versprechen und Ruck-Reden buhlen – wobei ein Tyrannenfreund wie Marc Anton uns ebenso auf seine Seite zu ziehen versucht wie der Tyrannenmörder Brutus, der uns versichert, Cäsar zu unserem Allgemeinwohl und um der Freiheit willen erdolcht zu haben. In Wien traut man uns gleichwohl nicht zu, die Volksrolle anständig zu spielen: Unser Jubel und Protest schallen aus dem Lautsprecher. Zürich hingegen fordert uns weder als Souverän noch als Stimmvieh, sondern in unserer physischen Präsenz. Bühnenbildner Stéphane Laimé hat uns eingebaut in die Ausstaffierung des Schiffbaus zum Festsaal mit gewaltigen, halbblinden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2007
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Eva Behrendt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Blind Date mit Freunden

Der Verwaltungsrat der Zürcher Schauspielhaus AG sprach von bis zu dreißig ernstzunehmenden Bewerbungen für die künstlerische Direktion. In der Schweiz heißt der Posten offiziell nicht Intendanz, weil die höfische Tradition fehlt und damit auch dieser Begriff. Bedenkt man, wie wenig die Findungskommission in acht Monaten gefunden hat, darf man durchaus von feudalen...

In der Wortfabrik

Maeterlinck», Christoph Marthalers neues Stück am Nationaltheater Gent, wirkt wie das Antidot zu «Winch Only» (TH 8-9/06), das er im letzten Jahr in Brüssel herausbrachte. Beides sind schlaftrunkene Welträtsel aus Melancholie und Absurdität: das Leben ein Traum, das Erwachen ein Witz und dazwischen Musik – Belgien scheint dem Schweizer gut zu tun! Doch wo in...

Alltags-Anthropologien

Eine junge Frau erzählt von ihrem Promotion-Job, für den sie als einzige Qualifikation eine Kleidergröße 36, besser noch: kleiner, vorweisen musste. Ein junger Mann macht sich über die älteste Schildkröte der Welt auf Galapagos Gedanken, Old George, von dem er annimmt, dieser würde seit 150 Jahren seinen einzigen Gedanken nicht zu Ende denken können. Ein weiterer...