Erb oder stirb
Heimkommen kann traumatischer sein als Aufbrechen. Wut und Schwung sind aufgebraucht, die kühnsten Träume haben sich in Asche verwandelt, und die Kräfte reichen gerade noch, um ins kalte, längst nicht mehr gemachte Bett zurückzukriechen – so es irgendwo noch so etwas wie ein Elternhaus gibt – oder sich auf dem Familiengrab einschneien zu lassen.
Zumal, wo sich die altbekannten Fronten im Generationenkrieg in letzter Zeit gründlich umgekehrt haben: Im abgesicherten Modus bürgerlicher Saturiertheit ergraut, lassen es Alte im Ruhestand so richtig krachen, während die Jungen mehr oder weniger perspektivlos im Prekariat dümpeln und neidisch auf das Rentenglück der Eltern schielen wie auf ein für immer verlorenes Paradies. Zwei Spielarten dieser gar nicht mehr romantischen Aufbruchs- und Heimkehrgeschichte sind derzeit in München zu sehen, getrennt durch die Maximilianstraße, eine Generation (Dramatiker-) Leben und noch vieles mehr, versteht sich.
Wiederbelebung eines Schocks
Knapp 30 Jahre ist Franz Xaver Kroetz’ dramatisches Fragment «Bauern sterben» inzwischen alt, das laut Autor irgendwo zwischen Landshut und Kalkutta spielt und von Flüchtlingen handelt, die «in keiner ...
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Theater heute Juli 2013
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Silvia Stammen
Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri, «Ich rufe meine Brüder», ist doppeldeutig. Einerseits wendet sich Protagonist Amor – wie der Autor ein Schwede mit tunesischem Migrationshintergrund – zwischen den Szenen immer wieder direkt an seine «Brüder». Andererseits sind Amors Dialogpartner auf der Bühne zwar physisch anwesend, im Stück selbst aber nur per...
Diese erwachsenen elternlosen Kinder sieht man oft. Dennis Kellys «Waisen» werden auf deutschen Bühnen seit drei Jahren viel gespielt. Kleine Besetzung, zugespitzte Themen, das Richtige für ein schrumpfendes Milieu, das sein gutes Gewissen daraus bezieht, dass es bereit ist, sich ein schlechtes Gewissen machen zu lassen: die selbstkritischen deutschen...
Da sind wir definitiv schon leidenschaftsärmer begrüßt worden in den mehr oder weniger heiligen Theaterhallen: «Das Publikum, das Publikum, das Publikum», schnarrt ein whitegefaceter Empfangschef mit dunklem Anzug und ebensolchem Oberlippenbärtchen in Endlosschleife den Menschen entgegen, die sich von der Kastanienallee aus in den Prater drängeln. Handelt es sich...
