Equilibrist der Aussparung
Unglaublicherweise liefern Familienaufstellungen noch immer die besten Daten, um herauszufinden, wer wir sind. Wir erfahren etwas über die unbekannten Bedingungen der Möglichkeit, andere wahrzunehmen und mit anderen zusammenzusein. So unpersönlich, wie Fosse die Sache in seinem neuen Stück «Besuch» angeht, wird daraus rasch ein Experiment mit Laborcharakter. Wenige formelhafte Informationen zeichnen eine familiäre Situation mit einer unentschärften Bombe im Zentrum. Die Situation wird in einen abgeschlossenen Raum versetzt und sich selbst überlassen.
Man nehme eine Mutter mit ihren zwei erwachsenen Kindern verschiedenen Geschlechts und einen Mann, den Freund der Mutter, der nicht der Vater der Kinder ist, und stelle sie in eine Wohnung vor die Türe zum Kinderzimmer. Im Kinderzimmer braut sich etwas zusammen. Die Türe klappt gelegentlich auf und zu und setzt Schwaden von Angst frei. Was sich dort genau abgespielt hat oder noch immer abspielt, lässt sich nicht erkennen. Das Licht trifft nur Umrisse, wir sehen nur die für das Experiment nötigen Konturen.
Im Kinderzimmer lebt das jetzt bald neunzehnjährige Mädchen allein in einem regressiven Zustand, sie vergnügt sich daran, dass sie ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
+ Die Kunst des Theaters ist frei und vielleicht sogar autonom?
Ein Bereich jenseits des instrumentellen Denkens, der Ideologisierungen, der Zwecke und Verfügungen? Gar ein Ort des Kreativen, des lustvollen Ausprobierens, Vordenkens, möglichen Scheiterns?
Aber nicht doch. Es gibt schließlich Regeln! Man muss sich zwar nicht dran halten, aber man sollte sie...
Gute Literatur hat immer von guten Geschichten gelebt. Und gute Geschichten haben Leute geschrieben, die umständehalber viel gereist sind, verfolgt wurden … In der Kultur hat es immer diese Zuwanderung gegeben, auch in der Wirtschaft, durch die grenzüberschreitenden Händler. Sie zeigen, dass die Welt viel größer ist als die Scheune, die man kennt. Und es ist kein...
Was unternimmt der noch jugendliche Großkritiker, wenn auf einmal niemand mehr Großkritiker braucht? Wohin verschlägt es den Feuilleton-Star, wenn die Zeit der Edelfedern zu Ende geht? Nicht nur im Theater hat sich seit den Neunzigern einiges geändert, auch am Feuilleton ist der Zug der Zeit nicht vorbeigefahren. Und der Kulturbetrieb im Allgemeinen bietet schon...
