Ein verpfuschtes Leben

Simon Stephens «Country Music»

Theater heute - Logo

Jamie Carris hat von Anfang an keine besonders günstige Sozialprognose: Missbrauchsopfer, Selbstmordversuch, vernachlässigt, aggressiv. Simon Stephens zeigt ihn mit 18 – da hat er gerade den Liebhaber seiner Mutter niedergestochen und einen jungen Tankwart, weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Er sitzt mit Lynsey, 15, im geklauten Auto und träumt von Entkommen und einem kleinen Spießerglück. Die Art von Glück, die viele Country Songs beschwören. Wenn sie nicht gerade von Einsamkeit, Verbrechen, Schuld und Sühne singen. Vom Knast. Oder von treulosen Frauen.

Wie melancholisch und unsentimental das klingen kann, beweist die Umbaumusik von Bonny «Prince» Billy in Essen. 

Zweite Szene, elf Jahre später. Jamie sitzt im Gefängnis. Sein Bruder Matty besucht ihn. Für den, so sieht Jamie das, sitzt er hier. Damit der Typ, der ihn selbst missbraucht hatte, sich nicht an Matty vergehen konnte, hat er ihn sich vorgeknöpft. Matty, das anschauliche Beispiel dafür, dass eine ungünstige Sozialprognose kein in Stein gemeißeltes Schicksal ist, sieht das anders. Und sagt das auch. Schlimmer: Matty muss die Nachricht überbringen, dass Lynsey mit Jamies Tochter Emma zu einem anderen Mann ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2005
Rubrik: Chronik, Seite 33
von Susanne Finken

Vergriffen
Weitere Beiträge
Bis zum Hals im Dispo

Ein Leben in Kontoauszügen? Barabhebung an Geldautomaten zeigen das Cash-Level, die Höhe der Telekom-Rechnungen lässt auf gewerbliche Nutzung des Hausanschlusses schließen, Zeitschriften-Abos verweisen auf den beruflichen oder gesellschaftlichen Horizont, der eher bescheidene Beitrag bei der Künstlersozialkasse muss dem nicht entsprechen – auf der anderen Seite...

2001 – und dahinter die Unendlichkeit

Im Tagebuch vom Dezember 1985 notiert Andrej Tarkowski – exakt ein Jahr vor seinem Tod –, dass er für eine Vorlesung in Stockholm vier Illustrationen von Filmszenen benötige: Buñuels «Los Olvidados» – der Traum mit dem Fleisch; Bergmans «Wilde Erdbeeren» – der Traum mit dem Sarg auf der Waldlichtung; Fellinis «Achteinhalb» – der freudianische Anfang im Tunnel;...

Ein viel zu großes Herz

Die «Lulu» am Münchner Volkstheater ist der Abschied von Brigitte Hobmeier, die ihr Engagement zum Ende der Saison gekündigt hat, ohne dass sie zunächst etwas Neues in der Tasche hatte. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert: Im Sommer wird die junge Schauspielerin, die inzwischen schwanger ist, zu Frank Baumbauer an die Kammerspiele wechseln. Die Lulu aber soll...