Ein Baum, der zweifelt
Zum Schluss sitzen da zwei Menschen erschöpft nebeneinander, ein Paar, das sich nichts geschenkt hat, sichtlich abgekämpft, aber dennoch ein Paar. Er schocksteif, mit schreckgeweiteten Augen und noch immer festgezurrter Krawatte, sie, im blutrot geblümten Abendkleid, leicht derangiert, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Wüsste man nicht, dass gerade jeder von ihnen eins der gemeinsamen Kinder ermordet hat, ein gemeinsamer Neuanfang wäre nicht unvorstellbar.
Mit seiner Inszenierung von Tom Lanoyes Mythen-Revision «Mamma Medea» an den Münchner Kammerspielen hat Stephan Kimmig ein sehr heutiges Beziehungsdrama in schmutzigen Grautönen gezeichnet – weniger schicksalhaft ausweglos als von beiden Seiten selbst verantwortet und mitverschuldet bis zum hier gemeinsamen Kindermord. Kein Starvehikel für eine Schauspielerin – obwohl Sandra Hüller als nölende Megäre in Jogginghosen wahrlich furios spielt –, sondern die Chronik einer von Anfang an prekären Liebe zwischen zwei Entwurzelten. Voraussetzung dafür ist natürlich die entsprechende Besetzung des männlichen Parts, und die ist mit Steven Scharf in der Rolle des Jason, so Kimmig, «ein absoluter Glücksfall».
Die Jason-Verteidigung
Seit 2007 ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Adolf Hitler war ein verschrobener Kerl, dem die Hände zitterten. Andreas Baader war ein ungehobelter Macho, der gern mit Pistolen fuchtelte. Claus Graf Stauffenberg war ein Aristokrat der Tat, der beinahe das Schicksal ausgebremst hätte. Die DDR war ein dekadentes Funktionärsregime, in dem Kunst nur der Anbahnung von Sex diente. Die DDR war ein Paradies mit...
Allmählich ist es eine Frage wie beim Huhn und beim Ei: Wurden zuerst die neuen Stücke so kurz, dass man beschloss, sie in Festivals zusammenzupacken, oder wurden die Stücke wegen des wachsenden Festivalmarktes immer kürzer? Bei der zweiten Auflage der «Schlaglichter» am Staatstheater Karlsruhe jedenfalls brachten sieben Ur- und Erstaufführungen insgesamt eine...
Was tun, wenn das Leben nach dem Lustprinzip einen Sättigungsgrad erreicht hat, der jede Steigerung zur Mühsal werden lässt? Wenn Ausschweifung nur noch anstrengend ist und nicht einmal die Macht mehr müde Männer munter macht? Man könnte sich entspannt zurücklehnen und einfach abwarten, bis sich die Libido von selber wieder regt. Oder man inszeniert – um die...
