Dramatischer Suchtstoff

Der schwedische Vorzeige-Ehehöllenautor erhält im Wiener Akademietheater ein würdiges Update von Simon Stone: «Hotel Strindberg»

Theater heute - Logo

Du bist wirklich verrückt geworden, Alfred», diagnostiziert Charlotte absolut zutreffend und klingt dabei eher zoologisch interessiert als irgendwie aufgebracht. Chapeau: Schließlich befindet sich die Mittvierzigerin mit ihrem Gatten auf dem Rückweg ins Hotel nach einem Dinnerausflug, in dessen Verlauf der Inhalt (mindestens) eines Rotweinglases in ihrem Gesicht gelandet war.

Aber während das Ehepaar – unisono im 1,5-Promille-Bereich – auf der Suche nach seinem Zimmer schließlich Arm in Arm durchs aseptische Hoteltreppenhaus irrlichtert (denn gegen die Außenweltzumutungen steht man trotz blutrünstigster Binnenverwerfungen selbstredend vereint wie der Fels in der Brandung), setzt Charlotte doch noch zum Dolchstoß an. «Verrückt», präzisiert sie, meint allerdings schon längst nicht mehr «diese kreativ-lustige Art», die sie ursprünglich mal an ihm – Alfred – «angezogen» habe. Sondern jetzt – und die Lust an der verbalen Gatten-Verzwergung könnte Charlotte tatsächlich nicht deutlicher anzumerken sein – mache sich da «so eine klammernde, grapschende Qualität» breit, «so etwas kläglich nach Luft Schnappendes wie von jemandem, der am Rande einer Klippe hängt und nach Hilfe schreit». Der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 6
von Christine Wahl

Weitere Beiträge
Abgrund Mensch

So sieht also ein internationaler Strafgerichtshof aus. Der Angeklagte sitzt ein. Und zwar in einer Art Kiste auf vier dünnen Beinchen in der Bühnenmitte, wo er sich und seinen behaarten Bauch mit traurigen Kulleraugen vor einer Kamera räkelt. Um die Kiste herum in respektvollem Abstand nichts weiter als barock kurvende Tapetenwände, auf die die Kameraprojektion...

Schreiben wie für ein Konzert

Hat man schon mal einen Dramatiker erlebt, der die Sprache einen «Horror» nennt und dabei mit Wittgenstein argumentiert, dem Logikfreak und Sprachphilosophen? Österreicher, meint der Österreicher Thomas Köck, würden der Sprache so fremd gegenüberstehen, dass sie ihr nur auf der Ebene des Horrors begegnen, sonst würden sie gleich gar nicht reden. Und das könne man...

Tiefenbohrung im Subjektiven

Seit Jahr und Tag stellt der Regisseur Sebastian Hartmann seinen Theaterabenden einen Ausspruch von Edgar Allan Poe voran: «All that we see or seem / Is but a dream within a dream.» Es ist ein anti-realis­tisches Motto und ein Signal, dass sich seine Theaterexpeditionen nicht aus handfester Alltagswirklichkeit herleiten, sondern aus dem Spiel der Subjektivität, aus...