Die verspätete Nation
Eine gute Stunde bin ich jetzt in Weißrussland und fahre auf der Straße nach Minsk. Rechts geht es ab nach Moskau, genau 700 Kilometer, sagt das Verkehrsschild. Nicht viel weiter, gute 1.000 Kilometer, ist es nach Berlin. Trotzdem wird es nur noch ein paar Minuten dauern, bis ich das erste Mal deutlich spüre, wie fremd das Land ist, in dem ich gerade gelandet bin.
Darja zeigt aus dem Auto auf einen riesigen Glaswürfel, der schwer und plump auf einem dicken Ständer sitzt.
«Das ist unsere neue Nationalbibliothek, sie wurde zu einem der zehn hässlichsten Gebäude der Welt gewählt», sagt sie. Es ist in der Tat ein grotesker Bau, ein entschiedener Versuch, modern zu sein, der noch entschiedener verunglückt ist. Aber nicht das beschäftigt mich, sondern die Mischung aus Stolz und Selbstverachtung, mit der Darja es gesagt hatte: Schau her, so bescheuert sind wir! Aber, immerhin, so tauchen wir wenigstens auf in der Welt, wenn auch nur auf Hässlichkeitslisten!
Darja studiert in Minsk Wirtschaft, sie ist als eine der besten Dame-Spielerinnen Europas immer wieder im Ausland, gerade kommt sie aus den Niederlanden, und spricht, was hier sehr selten ist, Englisch. Trotzdem hat sie diese ...
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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Ausland, Seite 42
von Peter Michalzik:
Der Titel ist ein Euphemismus: «Die Ereignisse», von deren Folgen das neue Stück des schottischen Dramatikers David Greig handelt, sind kaltblütige Morde. Ein xenophober junger Mann, im Stück nur «der Junge» genannt, hat unter den Mitgliedern eines multikulturell besetzten Amateurchors ein Blutbad angerichtet.
Seit dem Amoklauf ist offenbar schon einige Zeit...
Die Euro-Scene Leipzig hat in ihrer 23. Auflage eine sehr europäische Ausgabe abgeliefert. Nachdem im letzten Jahr der Hauptsponsor abgesprungen war, konnte dank einer Aufstockung der städtischen Förderung das Programm ohne größere Einschränkungen, aber mit deutlich erhöhten Ticketpreisen stattfinden. Der ursprüngliche Fokus des Festivals auf die Avantgarden...
Wer die steirische Landeshauptstadt mit dem Flugzeug ansteuert, landet auf dem Flughafen Graz-Thalerhof. Vor hundert Jahren befand sich hier ein «k.k. Internierten-Lager», zwischen 1914 und 1917 wurden hier insgesamt etwa 30.000 großteils ruthenische Bürger der Habsburger-Monarchie festgehalten – meist auf den bloßen Verdacht hin, mit Russland zu sympathisieren....
