Die Gretchenfrage
Ich komme aus dem Urlaub, sie kommen aus dem Krieg. Sie haben ein Leben aufgegeben, um leben zu können. Einer der vielen Polizisten am Bahnsteig weist mir den Weg an den Flüchtlingen vorbei: «In den Mob wollen Sie nicht hineingeraten, glauben Sie mir!» Ich sehe keinen Mob. 500 erschöpfte Menschen, aussortiert nach Augenschein, befolgen geduldig wortlose Anweisungen in der Hoffnung, ihnen möge endlich etwas Besseres widerfahren als das, vor dem sie geflohen sind. Ihnen gegenüber Wartende, Gaffer und Reporter.
In gespenstischer Stille filmen die Wartenden mit ihren Handys die Wanderer, das Bild morpht zwischen Geleit und Deportation. Willkommensrufe und Jubelschilder bleiben nach 50.000 Ankömmlingen aus; die anfängliche Emphase ist einer klammen Ernsthaftigkeit gewichen. Es sind viele, zu viele. Die Stadt München kann die Registrierung nicht mehr bewältigen und kaum noch Schutzraum erschließen. Die Helfer schwitzen und strahlen, die persönlich abgegebenen Hilfsgüter stapeln sich, Mitbürger suchen das Gespräch auch in den Lagern, Facebook quietscht vor Engagement.
Deutschland will sich verantwortungsbewusst zeigen. Es ist sich nur nicht einig, wie und wem gegenüber. ...
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Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Wiebke Puls
Spätestens, wenn man die Liegestühle sieht, beginnt man zu ahnen, was Eyüp Yildiz meint. Eyüp Yildiz – das ist der stellvertretende Bürgermeister von Dinslaken, und als solcher hat er bereits vor dem Beginn der ersten von Johan Simons verantworteten Ruhrtriennale eine kleine Debatte ausgelöst. Yildiz warf Simons vor, die Zeche Lohberg in Dinslaken, die sich der...
Oberhofen am Irrsee, 20. Juli 90
In einem Gespräch für «Theater heute», das Thomas mir in der Abschrift zu lesen gab, bedauert er die wenig heroische Rolle, die er in der DDR gespielt hat, und präsentiert sich als einer, der mit der Macht nicht paktiert, aber auch nicht gegen sie aufbegehrt hat. Der Papa war an der Gründung des «besseren» deutschen Staates...
Auf die Idee muss man erst mal kommen: Bei 37 Grad Sommerhitze in Norwegerpulli und Fellmütze herumzurennen. Aber gut, wir sind in der Antarktis. Der junge Schauspieler und Regisseur Samuel Achache schickt ein sechsköpfiges Forschertrüppchen ins Polareis und hat ihnen dafür ein hübsch knirschendes Styropor-Schneefeld unter den Platanen des Cloître des Célestins...
