Die Erben der Räuber
Endlich mal keine düstere Dystopie zum weiteren Untergang des Abendlandes, sondern eine Zukunftsvision, die nicht heller und erwartungsfroher strahlen könnte: Die Menschheit, wie sie Lukas Bärfuss zumindest am Anfang seines neuen Stücks vorstellt, lebt nach dem Prinzip von «Hingabe, Wohlwollen und Freundschaft», hat Kriege und allen Streit hinter sich gelassen, spricht sich gegenseitig in leicht geschraubt-salbungsvollem Ton an und wirkt überhaupt wie ein Wellnessclub in der Meditationspause.
So jedenfalls die Mitglieder einer archäologischen Expedition – ausgesucht höfliche, promovierte Herrschaften, die sich auch gegenseitig mit ihren Doktortiteln anreden –, die unter Leitung von Dr. Matthias die Ruinen von Bonn erkundet und dabei auf die erstaunlich gut erhaltenen Reste des Kanzlerbungalows stößt. Ihre bisherigen Forschungen haben schon wichtige Erkenntnisse zum barbarischen Vorleben der Menschheit im 20. Jahrhundert erbracht. Man hat sich von scharf gewürzten, zermörserten Fleischspeisen ernährt – der Begriff «Saumagen» fällt allerdings nicht –, litt unter einer Lebenserwartung von deutlich unter 100 und sah entsprechend mit 80 schon wie ein alter Mensch aus.
Leider haben die ...
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Theater heute November 2018
Rubrik: Start Mannheim, Seite 24
von Franz Wille
Vor drei Jahren reiste ich aus der Antwerpener Troubleyn-Factory mit Übergepäck wieder ab. Der Avantgardekünstler und Choreograf Jan Fabre und seine Assistent*innen hatten mich in den anderthalb Tagen Probenbesuch für die Marathon-Inszenierung «Mount Olympus» mit einem ganzen Stapel von Ausstellungskatalogen und Werkdokumentationen überhäuft; einen von ihnen hatte...
Ein Herrenanzug auf einem Tisch. Sechs Männer und eine Frau, allesamt stummfilmhaft geschminkt und in weißer Feinripp-Unterwäsche, zupfen an ihm herum, bringen ihn allmählich zum Tanzen. Dann stülpen sie den Anzug einem von sich über, dem staunenden jungen Mann mit der Stirnlocke. Und im Handumdrehen ist er zum Protagonisten in Kafkas Erzählung «Das Urteil»...
«Die Sonne Satans schien vom Meer her, das man nicht sah, aber roch.» Das ist so ein Fritz-Kater-Satz von poetischer Wucht, ein Satz in den schon all das Grauen eingeschrieben ist, das das Mädchen (Mirjam Rast) erleiden wird, im Wäldchen, wo der Vergewaltiger (Manolo Bertling) wartet. «Die Sonne Satans», das ist der Hamster, den der Angreifer dem Mädchen schenkt,...
