Die Entwicklungshelferin
Unser Leben wird in ein Vakuum gesaugt», stellt Idil Baydar auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses fest und lümmelt sich in einem samtroten Plüschthron zurecht. «Das entsteht», analysiert sie sich gedankenscharf durch Elfriede Jelineks jüngsten Text «Am Königsweg», «wenn für uns nichts mehr übrig und alles auf der anderen Seite ist, wo feiste Ärsche die Wippe beschweren.
» Irgendwann steht sie auf, geht zur Rampe, öffnet unterwegs den Reißverschluss ihrer goldglänzenden Pailletten-Trainingsjacke, um die darunter befindliche T-Shirt-Botschaft «cute but psycho» angemessen in Szene zu setzen – und verwandelt sich in Jilet Ayse.
Deutschlands Integrationsalptraum Nummer eins
«Na, nicht schlecht für einen Kanaken, was?», strahlt sie in postperformativer Begeisterung über die eigene «Hochkultur»-Darbietung ins Parkett und stellt sich anschließend als «Deutschlands Integrationsalptraum Nummer eins» vor. Jilet Ayse – das ist die stolz bekennende Bildungsverweigerin im Jogginganzug, die zwar normalerweise eher auf YouTube und auf Comedy-Bühnen als an Theater-Rampen, in jedem Fall aber in kunstvoll defizitärer Schrumpfsprache verkündet, wie wenig sie von Gymnasien, von Feminismus und ...
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Theater heute Mai 2018
Rubrik: Akteure, Seite 24
von Christine Wahl
«Wir fallen uns selber zur Last und verstricken uns in uns selbst und ersticken daran fast», heißt es einmal in dem Langgedicht «Brandneue Klassiker» von Kate Tempest. Und das könnte auch das Motto für ihr Theaterstück «Wasted» sein: Drei junge Menschen, die nichts mit sich selber, ihren Körpern und Gefühlen, ihren Sehnsüchten und Verfehlungen anzufangen wissen,...
Hinter Stäben bald keine Welt mehr. Eine Lichtorgel- und Lichtstab-Installation kreist auf Volker Hintermeiers Drehbühne, in deren Mitte mächtig drohend ein angefressener, verkohlter Erdball den Verfall ankündigt. Es rumort und grollt von der Tonspur, als würden in weiter Ferne Züge rangiert.
Lars von Triers zweistündige Missa Solemnis vom Weltuntergang (2011)...
Der Belgier Luk Perceval, 60, hatte schon einmal weniger Respekt vor dem Alter. In seiner sehr freien Shakespeare-Bearbeitung «L. King of Pain» (2002) gab Thomas Thieme einen Lear als Alzheimer-Patienten, der seine Angehörigen auf eine harte Probe stellte. Als fleischgewordene Zumutung waren «Scheiße» und «Fotze» seine Lieblingswörter, in seiner Altersgeilheit...
