Der Zeitgenosse

Zum Tod von Hilmar Thate

Theater heute - Logo

Ein kleiner großer Schauspieler. Ein Kraftkerl, kein Riese, kein Protz. Bullig und dabei doch behend. Ein Kantekopf, kein Stiernacken. Dennoch spürte man, dass er gern mit dem Kopf durch die Wand wollte. Ja, die Wand sicher gern auch mal mit Fleiß suchte, wenn sie sich nicht sogleich fand. Buschige Brauen, verwegen hoch gestruppte Igelhaare, mit den Jahren immer struppiger und grauer werdend. Knopfaugen, die laserscharf und versonnen zugleich blicken konnten. Eine Erscheinung, die man schon nach erstem Erscheinen nicht mehr vergaß.

1931 im wendischen Dorf Döhlau geboren und in Halle zur Schule gegangen, war Thate in der DDR schon Mitte der Fünfziger ein vielbeschäftigter Theater-, Film- und Fernsehschauspieler. Er begann am Maxim Gorki Theater des Stanislawski-Schülers Maxim Vallentin, wechselte dann an Helene Weigels Berliner Ensemble, wo er in der Nach-Brecht-Ära mit Peter Palitzsch, Erich Engel, Manfred Karge und Matthias Langhoff arbeitete; in den Siebzigern spielte er an Benno Bessons Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und schließlich am wahren Staatsschauspiel der DDR, dem Deutschen Theater. Ein populärer «Star» im anderen Deutschland wurde er jedoch, wie schon damals üblich, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2016
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Michael Merschmeier

Weitere Beiträge
Rasender Stillstand

Die Tat ist der Traum: Neun Schauspieler stehen an der Rampe mit Büchern in der Hand und lesen, nein: schreien, wüten, trampeln die Zentral-Episode von Dostojewskis Roman «Verbrechen und Strafe» aus ihren Körpern heraus, den «Traum vom Pferdchen und der Peitsche», deren Text derweil hinten auf der Leinwand abläuft. Eine ge­schla­gene Viertelstunde lang steigert...

Absolutes Vertrauen

Schlimme Nachrichten kommen, wenn sie kommen, vollkommen unabhängig davon, ob der Empfänger für sie bereit ist – zum Beispiel direkt nach einem unendlich langen Flug in Fuhlsbüttel, mitten in der Menschenmenge, als ich meine Maschinchen wieder an den Strom der Welt anschloss und mich danach traurig in eine Ecke verkroch. Zwar wussten wir alle seit langem um die...

Die Fiktion der Kritik

Kaum einmal an diesem Abend steht er still. Er tritt von einem aufs andere Bein. Er tänzelt, trägt in sich eine Unruhe, die ansteckt. Vielleicht, weil es kaum möglich ist, sich mit ihm zu identifizieren, ja, weil man ihm am liebsten gar nicht mehr zuschauen und zuhören würde. Dann etwa, wenn er sich über die Blasen auf seiner Haut auslässt. Und weil man doch...