Der Morgen danach
Der wirklich interessante Moment im Leben eines Theatertreffen-Jurors ist der Morgen danach. Die letzte und entscheidende Jurysitzung wird schon aus abstimmungspraktischen Gründen immer komplizierter, je länger sie dauert. Zunächst nominiert man gut mehrheitstechnisch, worauf sich die meisten Stimmberechtigten unkompliziert verständigen können, also die größten gemeinsamen Kandidaten. Die ersten Entscheidungen fallen noch vergleichsweise freundlich und einvernehmlich, aber gegen Ende nimmt der Konsens in der Regel rapide ab. Was umgekehrt bedeutet, dass auch der Schmerzpegel steigt.
Schließlich hat jeder unter den diskutierten Produktionen nicht nur seine Favoriten, sondern auch seine speziellen Schreckgespenster. Wenn dann irgendwann die zehn Entscheidungen gefallen sind, ist meistens auch das Nervenkostüm etwas durchgeschüttelt.
Erst nach ein paar Beruhigungsbieren oder anderen Entspannungsmitteln – beziehungsweise deren Abklingen – zeichnet sich die ganze Tragweite der versammelten Kritik-Kompetenz ab. Was haben wir da eigentlich ausgewählt? Was lässt sich ablesen aus den prägnantesten Eindrücken der Spielzeit? Womit beschäftigen sich die angeblich zentralen Inszenierungen des ...
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Theater heute Mai 2013
Rubrik: Theatertreffen Berlin, Seite 22
von Franz Wille
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