Der lange Schatten der Twin Towers
Schlicht nine/eleven heißt es in englischsprachigen Texten, wenn jenes Ereignis benannt wird, das sich als Bild der einstürzenden Türme in unser Bewusstsein gesetzt hat. Die Folgen dieses Tages sind kaum absehbar, und sie sind von Dauer. Auch wenn die Kriegsschauplätze und die Konfliktlinien wie in Afghanistan, Irak und nun auch in Syrien wechseln, der Mentalitätswandel, der den «Krieg gegen den Terrorismus» begleitet, hat sich festgesetzt.
Auf jedem Flughafen dieser Welt merken wir es, wenn wir nicht schon aufgehört haben, uns darüber zu wundern, dass etwa Kosmetikfläschchen als Waffen behandelt werden.
Der Patriot Act hat in den USA diese neue Bedrohungsmentalität in legislative Formen gegossen, und auch in Europa wird beständig die Abwägung zwischen Freiheitsrechten und Sicherheitsinteressen neu vollzogen – die USA bleiben der Taktgeber für das politische Selbstverständnis der westlichen Welt. Andererseits blicken die Amerikaner, wie auch andere klassische Einwanderungsländer, auf eine lange Tradition von Migration zurück.
Dass Deutschland sich erst jetzt mühevoll dazu durchringt, sich als Einwanderungsland zu begreifen, macht diesen Erfahrungsvorsprung umso deutlicher. ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 175
von Jörg Bochow
Anfang diesen Jahres, um genau zu sein: am 8. Februar 2015, hatten wir, Nicolas Stemann und ich, uns mit Elfriede Jelinek verabredet. Es war gewissermaßen ein Antrittsbesuch der zwei Neuen in dieser Stadt – Nicolas Stemann wird ab dieser Spielzeit Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Viel mehr, als sich «Grüß Gott» zu sagen und die künstlerische...
Das 20. Jahrhundert ist zu Ende, doch an der Last dieses wirren Zeitalters tragen wir noch immer, an seinem Nachlass aus politischen und religiös-fundamentalistischen Ideologien, am Erbe von Kriegen, Revolutionen und Diktaturen, an mörderischer Gewalt und neuen globalen Gefahren. Die Epoche von Verdun und Stalingrad, Auschwitz und Gulag, Hiroshima und Tschernobyl...
Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri ist ein kleines mathematisches Zeichen: ≈ [ungefähr gleich]. Damit wird das mittlere der drei großen, nach wie vor uneingelösten republikanischen Versprechen «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» in den Blick genommen. Es sind große Fragestellungen, die, wie der Autor selber sagt, «das Schreiben beeinflusst...
