Der Künstler als Goldwäscher
Es ist noch nicht so lange her, da ging man in diesem Outfit eher auf ein Brian-Adams-Konzert. In Karohemd und enger Jeans. Auf Du-und-Du mit dem ehrlichen Rocker. «In the Summer of ’69» (anno 1984). Und jetzt ist das das Outfit für die Volksbühne, für Fabian Hinrichs zumindest. Noch ein Handshake im Saal mit Christoph Schlingensief vor der Premiere, ein Hallo zum Blumfeld-Frontmann Jochen Distelmeyer. Und runter eilt er auf die weiten, unverkleideten Bretter der Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Im Karohemd.
Wird es «Rock» geben? Ja, Hinrichs hat seinen Plattenschrank aufgetan, und mit Prince und Queen kommen die Sounds sogar aus der Mitte der 80er Jahre. Und wird es «ehrlich»? Ja, aber auf vertrackte Weise.
Hinrichs beginnt das Solo «Ich schau Dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!» als sein eigener Zeremonienmeister. Er schwingt ein Zepter und hämmert mit wuchtigen Stößen die ersten Worte ein; es ist gewissermaßen der Obersatz des Theaters von René Pollesch überhaupt: «Das Spiel ist kein Schatten des übrigen ernsten Lebens.» Man kennt diese Mimesis-Kritik bei Pollesch: Die sichtbare Aktion verkörpere keine verborgene Idee, sie spreche nicht für alle und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2010
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 108
von Christian Rakow
... kann sich Karin Beier die Auswertung der Kritikerumfrage 2010 rahmen lassen: Im dritten, auch stadtpolitisch kämpferischen Jahr ihrer Intendanz heben 12 von 42 befragten Kritikern das Schauspiel Köln unangefochten auf den Sockel als Theater des Jahres. Und die Regisseurin Karin Beier gleich mit: Ihre hinter Glas verbannte Prekariatsstudie «Die Schmutzigen, die...
1. Teil Spurensuche
Früher begann der Tag mit einer Schusswunde. Im Juni 1967 reist Ernst Wendt für «Theater heute» zur Experimenta nach Frankfurt am Main. Hier sein Bericht aus Heft 7/67:
«Der Schuß, der den Studenten Benno Ohnesorg in den Hinterkopf traf, fiel während der ersten Stunde der Experimenta II, das Stockholmer Scala-Theater zeigte im Theater am Turm...
Sie sind unter uns. Und es sind viele. Sie sehen aus wie wir. Aber sie haben niemals eine Sinfonie gehört, ein Gedicht auswendig gelernt oder ein Theater besucht. Sie schauen fern und freuen sich, wenn in den Nachmittagstalkshows Leute auftreten, die noch blöder sind als sie. Dann fühlen sie sich überlegen und einen Moment lang herausgehoben aus ihrem Alltag aus...
