Der Dramatiker und sein Double
Dennis Kelly rollt den Fall einer jungen Mutter auf, die überraschend ihre zwei kleinen Kinder verloren hat. War es Mord oder plötzlicher Kindstod? Diese Frage spaltet die Familie, die Wissenschaft, die Justiz und geht durch alle Medien. Kelly ist bei diesem Dokumentar-Stück ein Zuschauer, er sitzt im Publikum und mischt sich gelegentlich ein. Er fragt seine Figuren beiläufig und mehr oder weniger geschickt nach ihrer Version der Ereignisse. Sie assoziieren sprunghaft, sind öfters verlegen und verstummen. Wir befinden uns in einer Live-Interview-Situation.
Der Ehemann, der um seine Kinder trauert, spricht ihn an: «Mr. Kelly, Sie sind ein Parasit, eine Made, die niedrigste Lebensform, ein Monster, ein Aasgeier, ein widerwärtiges Stück Scheiße, und ich kann nur beten, dass sie von einer unheilbaren Krankheit befallen werden wie Krebs.» Er wirft ihm vor, dass er seinen Schmerz zu Zwecken der Unterhaltung missbrauche. Kelly lüge, wenn er sagt, dass es ihm um die Wahrheit gehe, denn es geht ihm nur um die Verwertung dieser Extremsituation in einem Theaterstück und um seine Karriere als Dramatiker. Dieser Moment beschreibt, was das Stück auszeichnet: Es organisiert die Perspektiven der ...
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Theater heute Jahrbuch 2008
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 166
von Karl Baratta
Hinlänglich dechiffriert ist der heimlich religiöse Subtext aller politischen Ideologie – die Aufhebung der Mühsal am Ende aller Zeit, am jüngsten Tag, am Ende des Kampfes, am Ende der Welt, am Ende der Revolte. Kurz mag das Religiöse also im Politischen Zuflucht gefunden haben, um bald darauf wieder ohne Obdach auf der Straße zu stehen. Aber zum Glück gibt es ein...
Wenn man es nicht anders wüsste, könnte man glatt meinen, Peter Pan ist Schotte. Und seine Enkel heißen heute Ray und Neil, sind beide knapp über zwanzig und leben noch immer in Schottland. In einer großartigen kargen Landschaft mit Bergen, Höhlen und Stränden. Und hast du die Geister gesehen, Neil? Die Geister von den Männern und Frauen, die dort früher gearbeitet...
In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 feierten auf Schloss Rechnitz, das unmittelbar an der österreichischen Grenze zu Ungarn liegt, SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Getreue des Nazi-Regimes ein «Gefolgschaftsfest», auf dem getanzt und getrunken wurde und in dessen Verlauf fast zweihundert arbeitsunfähige oder geschwächte jüdische Zwangsarbeiter...
