Der Anti-Divo
Als mir Toni Servillo an diesem sonnigen Märztag auf der schönen Piazza des Teatro Carignano in Turin entgegenkommt, sieht er von Weitem nicht viel anders aus als der von ihm verkörperte camorristische Giftmüllmanager Franco aus dem «Gomorrha»-Film. Zwar trägt er statt des hellen Leinenanzugs eine dicke Jacke und einen Schal, und die Haare sind nicht ganz so grau und kurz wie bei dem aalglatten «Stakeholder», aber die leichte Bräune des Südens, die coole Sonnenbrille, die Distinguiertheit, die ihn für die Rolle prädestinierte, sind unverkennbar.
Im Film allerdings verbirgt sich hinter der Maske der Verbindlichkeit der Typus des «neuen» Mafioso, der sich die Hände nicht mehr schmutzig macht und die effiziente Entsorgung des tödlichen Drecks der Industrienationen zu Dumping-Preisen als ganz normales Geschäft betreibt; der genau weiß, wie sich die Vorschriften des Europäischen Abfallkatalogs umgehen lassen, und der im Ernst stolz darauf ist, seinen Beitrag geleistet zu haben, dass «dieses Scheißland heute in Europa etwas gilt». Franco ist das Gesicht der globalisierten Mafia-«Elite» aus Universitätsabsolventen, der genialen Köpfe des kriminellen Geschäfts, passables Aussehen und ...
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«Passionsweg durch die Moderne» hat Brigitte Maria Mayer ihre Auseinandersetzung mit Müllers Text genannt, die sich auf drei Leinwänden in einer Art Filmessay, aber auch in zwei Räumen der Berliner Akademie der Künste abspielt, wo man unter anderem der Malerin Hui Zhang dabei zusehen kann, wie sie Tiepolos Würzburger Fresco «Apollo und die vier Kontinente» kopiert...
Als ich hier in Europa ankam, beeindruckte mich am meisten, dass es anscheinend überhaupt keine Zensur gibt. Später begriff ich dann, dass sie überhaupt nicht nötig ist. Über Subventionen Zensur auszuüben, Preise für Wohlverhalten statt Strafen für Aufmüpfigkeit, ist natürlich sehr viel eleganter. Aber etwas anderes finde ich schockierend, nämlich die Art, wie die...
Bei Theaterkongressen, auf denen er in Europa die Entstehung seines «Theaters der Unterdrückten» nachzeichnete, erzählte Augusto Boal gern folgende Geschichte: «Im letzten Akt des selbstgeschriebenen Bauerndramas, das wir im Nordosten auf Lastwagenrampen spielten, sangen wir, das Gewehr fest umklammert: ‹Unser Blut für die Freiheit. Unser Blut für unseren Grund...
