Das Unspielbare wagen
Nur eine halbe Stunde im ICE liegt zwischen Ingolstadt und Nürnberg. Und doch auch Welten. Das kann man im Theater entdecken: An beiden Bühnen wird derzeit die «Orestie» von Aischylos gespielt, jeweils alle drei Teile und jeweils strich-scheu abendfüllend.
Beide Theater greifen auf Peter Steins Übersetzung zurück, jagen den vielköpfigen Chor wie getriebenes, irritiertes Volk durch die Szene und lassen das Saallicht erst wieder angehen, wenn auch der letzte Zuschauer kapiert hat, dass die Demokratie der Güter höchstes ist; in beiden Häusern wird gemordet und geröchelt, fließen Blut (in einem vor, im anderen hinter den Kulissen) und Tränen (in einem fast echt, im anderen verwässert durch Dauer-Beregnung), merkt man der jeweiligen Klytaimestra kaum an, dass in der netten Hausfrau die grausame Rächerin steckt, ist Apoll in unschuldigstes Weiß gewandet und erscheinen mit den Erinyen Wesen auf den Brettern, die mehr putzig-tollpatschig als furchterregend sind. An beiden Bühnen ist somit vieles ziemlich ähnlich – und doch alles ganz anders.
Der Vergleich ist nicht ohne Reiz. Zwei Bühnen in der sogenannten Provinz wagen sich an das «Unspielbare», spannen ihre Abonnenten auf die ...
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Band 1 1965–1987
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