Blick hinter die Maske
Vielleicht hat Clara Recht, wenn sie sagt, dass ihrem Bruder Édouard seine Maske zum Verhängnis geworden ist. Reda, der attraktive Sohn eines algerischen Einwanderers (ein Kabyle, kein Araber), hat ihn vielleicht genau deshalb im Verlauf eines One-Night-Stands beraubt, gewürgt und mit in den Nacken gedrücktem Pistolenlauf vergewaltigt, weil er sein früheres Ich verleugnet hat.
Weil Édouard nicht mehr Eddy Bellegueule sein will, der Sohn einer Putzfrau in der Picardie, sondern der Pariser Student und Schriftsteller Édouard Louis, der mit den mittlerweile auch in Deutschland prominenten Geisteswissenschaftlern Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie befreundet ist. Hat Édouard seine neue Rolle als bourgeoiser Jung-Intellektueller wirklich so überzeugend gespielt, dass Reda ihn, den vermeintlichen Klassenfeind, geradezu zwangsläufig angreifen musste? Oder, freudianischer formuliert, empfindet er Überfall und Vergewaltigung womöglich als Strafe für seinen Versuch, seine Herkunft hinter sich zu lassen?
Der eigenen Rolle auf der Spur
Am Schluss von Thomas Ostermeiers Bühnenadaption taucht dieser Satz mit der Maske noch einmal auf; in einer letzten Videoeinstellung grinst Laurenz ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 34
von Eva Behrendt
Fünf neue Stücke an zwei Tagen mit toller Besetzung und in ausgefeilten Inszenierungen – die Bilanz, mit der das Münchner Residenztheater in seinem «Marstallplan 2018» aufwartet, ist eindrucksvoll und keinesfalls das, was man sich sonst schon mal zum Ende der Spielzeit mit heißer Nadel von gestressten Regieassistenten und urlaubsreifen Ensemblemitgliedern...
Einer galoppiert über die Bühne, erfasst vom Weltenjammer: «Eieieieiei!», ruft Arthur Romanowski, und sein grasgrüner Bademantel flattert hinter ihm her. Der junge Performer hat sich eine Aufgabe gestellt: Auf der Bühne möchte er «Irgendwas für irgendwen an irgendeinem Tag im Juni» tun. Doch natürlich soll dieses Handeln auch über das Theater hinausreichen, das...
Die «Lange Nacht der Autor_innen» ist ja nicht direkt als Veranstaltungsformat bekannt, das zuverlässig dramatische Skandale produziert. In aller Regel wartet das Finale der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin mit drei mal mehr, gern aber auch weniger spektakulären Texten in entsprechend redlichen Ur-Bebilderungen auf. Wobei die Jury – mit einem jährlich...
