Besetzer in der Berliner Volksbühne; Foto: David Baltzer
Berliner Puppenkiste
Menschen von außerhalb, also Nichtberlinern, derzeit das Berliner Theater zu erklären, ist selbst für geübte Theaterberliner nicht so einfach. Einerseits strotzt die zumindest quantitativ betrachtet unangefochtene deutsche Theaterhauptstadt vor ungebrochenem Traditionsbewusstsein und gummiharter Beharrungskraft – Oliver Reese startet am Berliner Ensemble, wie sein Vorgänger Claus Peymann aufgehört hat, Thomas Ostermeier geht in seine 18. Spielzeit an der Schaubühne, und selbst am Gorki Theater folgt schon das dritte Sequel von Sibylle Berg.
Andererseits frönen weite theaternahe Hauptstadt-Künstlerkreise einem erstaunlich robusten Hang zur Selbstzerstörung.
Im September besetzte eine selbsternannte Gruppe «Staub zu Glitzer» um die Schriftstellerin und Medienwissenschaftlerin Sarah Waterfeld («Sex mit Gysi») in einer sogenannten transmedialen Aktion die Volksbühne am Rosa-Luxemberg-Platz, was bald kasperletheaterhafte Szenen zur Folge hatte. Zuvor hatten einander schon die Castorf-Freunde – «Frank forever» – und Dercon-Verteidiger – «jedem seine Chance» – knapp zwei Jahre lang ausdauernd beharkt, sich zuletzt wie erfahrene Wirtschaftsprüfer über Stellenpläne gebeugt oder in leidenschaftliche Auslegungsstreits der Begriffe «Ensemble- und Repertoiretheater» verstrickt, die an scholastischem Scharfsinn jeden mittelalterlichen Religionsstreit in die Ecke stellen.
So richtig rund ging es aber erst, als linke Gentrifizierungsgegner die Foyers und Gänge der Volksbühne besetzten, um für drei Monate eine alternative Bespielung anzuzetteln, zu der ausdrücklich ehemalige Volksbühnen-Cracks geladen waren. Drei von ihnen – Carl Hegemann, René Pollesch und Frank Castorf selbst – grüßten solidarisch, traten noch ein bisschen in Richtung Dercon nach, machten sonst aber weiter keine übertriebenen programmtechnischen Anstalten. Stattdessen gabs in der Volksbühne zeitintensive Plenumsversammlungen zu Selbstorganisation und Kartoffelkochen, auch Kinderschminken, Filmvorführungen und globalisierungskritische Referate waren im Angebot.
Zwischen den Fronten
Nach drei, vier Tagen geriet dann der Berliner Kultursenator und Linken-Politiker Klaus Lederer böse zwischen die Linien. Im Senat verlangten Bürgermeister Müller und nach der CDU auch der Koalitonspartner SPD – unterstützt vom «Tagesspiegel» – immer deutlicher, dass er für Ordnung sorgen und die Besetzung der Volksbühne beenden müsse. Dagegen wollte der linke Linkenflügel um Ex-Staatssekretär Andrej Holm, der seinerseits an der Besetzung teilnahm, natürlich keinesfalls weichen. Dergestalt eingeklemmt, schlug Lederer zurück und unterstellte seinen Kritikern in apokalyptischen Worten, sie wollten mit einer gewaltsamen Räumung ein Blutbad am Rosa-Luxemburg-Platz provozieren.
Derweil holte die traditionell Castorf-freundliche «Berliner Zeitung» gegen die künstlerisch eher anspruchslosen Besetzer aus, weil sie die Kunstfreiheit und den «demokratischen Zusammenhang» instrumentalisierten und ihnen «das Theater wurscht ist». Mittlerweile waren auch die Berliner Intendanten-Kollegen aus der Deckung gekommen, mahnten zur Besonnenheit und kritisierten die unprofessionelle «Anmaßung» der Besetzer. Schließlich schlug noch die Volksbühnen-Belegschaft zu, die sich keineswegs gegen Dercon stellte, sondern den Besetzern vorwarf, Proben zu behindern und Jobs zu gefährden. Wo kommen wir hin, wenn Künstler Künstler an der Arbeit hindern? Silvia Rieger fragte: «Habt ihr Geld?» Aber es gab auch Zuspruch: Berliner-Festspiele-Intendant Thomas Oberender besuchte das besetzte Haus und fühlte sich «gerührt». Auch Ronja von Rönne betrat die Volksbühne und war überrascht, wie schön aufgeräumt alles war.
Der ausgeprägte Berliner Flagellantismus kulminierte in ein paar nachgereichten Peitschenhieben aus Zürich, wo Frank Castorf gerade inszenierte, der nochmal Michael Müller abwatschte («durch einen Putsch an die Macht gekommen»), bei den Besetzern allerdings «schrankenlosen Dilettantismus» fürchtete. Anschließend bedauerte er sich ausführlich selbst, weil er jetzt wie ein «armer jüdischer Onkel» von Theater zu Theater ziehen müsse. Was angesichts von Regiegagen im hohen fünfstelligen Bereich eine, sagen wir, großzügige Interpretation von jüdischer Verwandten-Armut bedeutet. Als Klaus Lederer schließlich nach einer Woche doch räumen ließ und die letzten 20 Besetzer friedlich und widerstandslos von der Polizei hinausbegleitet wurden, waren aber auch alle irgendwie enttäuscht. So schnell und unspektakulär geht das schon zu Ende? Keine bösen Bilder mit randalierenden Polizisten im Kampfanzug?
Aber nur keine Häme. Denn schließlich ist die Bereitschaft in der Berliner Puppenkiste, hemmungslos aufeinander rumzuprügeln, auch ein schönes Zeichen von unausgelasteter Vitalität. Vielleicht finden sich dafür im Rest der Saison noch ein paar lohnendere Ziele.
Theater heute November 2017
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Franz Wille
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