Berlin: Liederbuch des Monströsen
Ganz zum Schluss erwischt er einen dann doch noch, der Moment emotionaler Überwältigung. Ein Distanzverlust, der die Kontrolle der körperlichen Reaktionen vorübergehend dem vegetativen Nervensystem überlässt – Gänsehaut. Denn auf der Bühne ereignet sich ein Temperatursturz: Der gerade noch ausgesprochen lebendige Chor steht jetzt still in fahlem Licht, die Menschen fast Schatten. Dann stimmt er Johann Sebastian Bachs «Matthäus-Passion» an: «Kommt Ihr Töchter, helft mir klagen ...
» Marta Górnicka beendet ihre «Hymne an die Liebe» mit dem Reenactment einer alten Schwarzweiß-Fotografie aus dem ukrainischen Konzentrationslager Janowska.
Das Bild der jüdischen Musiker aus dem nahe gelegenen Lemberg, die das tägliche Leben im Lager – Arbeitsmärsche, Selektion, Massenerschießungen und öffentliche Misshandlungen – mit deutschen Märschen, klassischer Musik und Vorkriegsoperette akustisch untermalen mussten, habe sie während der ganzen Arbeit am Projekt verfolgt, erklärt Górnicka im Programmheft. «Musik hat im Holocaust eine Rolle gespielt. Ich beschäftige mich mit der Allianz zwischen Lied und Mord.» Und weil dem kollektiven Mord die Selektion vorangeht – die säuberliche Trennung des ...
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Theater heute August/September 2017
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Anja Quickert
Ein Sonntagmorgen im thüringischen Altenburg ist nicht unbedingt das, was ein Reisebüro als besonderes Erlebnis anpreisen würde. Der riesige, architektonisch einzigartige Marktplatz mit seinen historischen Gebäuden und der mächtigen roten Brüderkirche am Ende ist menschenleer. Über ihn poltert jetzt ein wie für eine Safari aufgemotzter Jeep mit aufheulendem Motor....
Heilig gesprochen wurde Hildegard von Bingen vor fünf Jahren. Papst Benedikt XVI. wünschte sich in einem Dekret, der Heilige Geist möge auch weiterhin «weise und mutige Frauen erwecken, die, indem sie die von Gott erhaltenen Gaben wertschätzen, ihren wertvollen und je eigenen Beitrag zum geistlichen Wachstum unserer Gemeinschaften und der Kirche in unserer Zeit...
Es ist so puuuh, so äääh, geradezu uaargh: ein Bruderkuss, feindliche Soldaten reichen sich die Hände, Liebe und Versöhnung zum Finale. Der Schluss von Maria Milisavljevics «Beben» lässt einen sprachlos zurück ob seiner unverschämten Naivität – und gerade damit gelingt der Autorin ein Volltreffer. Milisavljevic hat nicht etwa ein Feelgood-Movie für die Bühne...
