Aus alt mach neu
Selten findet sich im Titel ein schöneres Understatement als bei Christopher Marlowes vorletztem Stück. «The Troublesome Reign of Edward II.» war nicht nur ein bisschen troublesome, also schwierig, sondern ein komplettes Desaster. Denn der König hielt sich weniger mit Regieren auf als mit seiner schwulen Liebe zu einem gewissen Gaveston. Was in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften unter Privatsphäre fällt, die höchstens ein Problem im Terminkalender macht, war zu elisabethanischen Zeiten nicht so einfach.
Erstens hatte so ein König damals qua Gottesgnadentum keine so ohne Weiteres abteilbare Privatsphäre, und zweitens war sein Staat – der englische besonders – eine höchst wackelige Angelegenheit aus Allianzen, Loyalitäten und Verschwörungen rivalisierender Adeliger, die ein Herrscher steuern und ausbalancieren musste. Da sollte man seine Earls und Counts weder unnötig verärgern noch seine Tage mit dem Geliebten auf Blumenfesten verturteln. Die reine Liebe wurde schnell gefährlich.
Ewald Palmetshofer findet das verständlicherweise bedauerlich. Seine Marlowe-Nachschrift «Edward II. Die Liebe bin ich» versucht dem Untergang des liebeskranken Königs eine tragische ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Franz Wille
Bevor es ernst wird – und ich Ihnen einige unordentliche Gedanken vortrage –, beginnen wir scheinbar heiter. Sie kennen das Aperçu von Oscar Wilde: «Alle Frauen werden wie ihre Mütter, das ist ihre Tragödie. Kein Mann wird wie seine Mutter, das ist seine Tragödie.»
Es gibt kaum eine intimere Situation, mir fällt nur noch eine andere Zweisamkeit ein, als die...
Wenn wir schlafen, arbeiten wir», erklärt der freundliche Schlafforscher von der Leinwand in der Creation «EXIT» von Kris Verdonck. «Im Schlaf setzen wir die Teile unserer Erlebnisse zu etwas Neuem zusammen wie ein Schuster einen Schuh.» Das Publikum sitzt und liegt auf Polstern. Eine Tänzerin vollführt eine Bewegungsfolge, die sie über die Dauer einer dreiviertel...
Ein Stoffhund, der zu Beginn hinter einem Rollator her auf die Bühne geschleift wird und dort als kurioses Gesprächsthema zweier tüddeliger alter Damen herumliegt – kann der einem ans Herz gehen? Aber ja: Während der zweieinhalb Stunden, auf die Mario Salazars Episodenstück am Theater Baden-Baden komprimiert ist, plaudern Catharina Kottmeier als Waltraut und Nadine...
