Auf produktiven Hass warten
Ich soll nun schreiben «Ich habe eine Wut auf ...», bin aber das Gegenteil eines «angry old man» und denke so oft an mein momentanes Wohlergehen, dass ich dazu neige, solche «Wutgefühle» wegzupusten, auch um dadurch zu vergessen, zu verdrängen: Sie würden meiner übriggebliebenen Kreativität oder Lust auf Theater, Oper und Literatur im Wege stehen.
Es halten mich mit Sicherheit einige für opportunistisch, weil ich als Festivaldirekor Projekte fördere, die ich von meinem Werdegang her eigentlich hassen müsste: Sie bringen meine dafür gehaltene Theatersicht unter die Erde!
Ich bin anders geflochten und glaube, dass die Dinge, die sich ändern, so sind, weil sie so sind und das Theater eine fragwürdige Angelegenheit ist, die sich grundsätzlich nur durch das Herandämmern eines neuen Dramatikers belebt. Da, wo es Hass geben könnte, ist Faulheit und neue Konventionalität – da, wo ich beobachte, dass Regisseure überall gleichzeitig sind. In jedem größeren Stadttheater tauchen dieselben Namen auf, von euch gekürte Namen, die jedes Jahr sechs bis sieben Stücke machen, rasch, gedankenlos, von TV-Kanälen inspiriert und wie verrückt unter Druck stehend – sagen Sie mir, welchen? Wir altern und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2011
Rubrik: Luc Bondy, Seite 17
von Luc Bondy
Mein aktuelles Lieblingsstück gefällt mir so gut, dass ich eigentlich gar nichts verraten möchte. Ich will versuchen, möglichst unzusammenhängende Information zu geben. Der Titel darf genannt werden. Er ist geheimnisvoller als der nebulöseste Kommentar sein kann: «The Ritual Slaughter of Gorge Mastromas». Es existiert noch keine offizielle Übersetzung davon. Der...
An manchen Tagen genügt eine Zeitung, um die Zeit zu versammeln. Der 28. März 2011 war so ein Tag, und die Zeitung eine «Süddeutsche». Auf der ersten Seite unten müssen gerade wieder einmal die Arbeiter aus den Trümmern des Atomkraftwerks Fukushima abrücken, weil ihnen das hochradioaktive Wasser sonst die Füße verbrennt. Oben steht der baden-württembergische...
Heute, gestern oder in naher Zukunft. «In der ausgeräumten Chefetage eines längst aufgegebenen Hochhauses», wie der Autor den Spielort der ersten Szene mit dem Titel «Ich bin da» beschreibt, treffen sich nach langer Zeit zwei alte Freunde aus Studententagen: ICH und ER, beide mittlerweile Anfang fünfzig. Einst wollten sie die Sterne vom Himmel holen, so viel Liebe...
