Neue Stücke · Aufführungen (2/2019)
Aufführungen
«Is einer zäh, muß er gebeitzt werd’n; wennst ein’n Aufgeblasenen erwischst, die sind nur zu vertragen, wenn s’ in a rechte Soß kommen; und Spicken, ordentlich Spicken is bey alle Naturen gut, weil es Alle feiner und milder macht.» Dieser schöne Menschen-Rezeptvorschlag steht in Johann Nepomuk Nestroys «Häuptling Abendwind», eine Komödie aus der Hochzeit der Cultural Appropriation (1862).
Christoph Marthaler serviert die hoffentlich/sicherlich durch diverse Diskurs-Reflektionen gefilterte Kolonialware am Schauspielhaus Hamburg, wo außerdem Karin Henkel das Thomas-Bernhard-Sample «Die Übriggebliebenen» inszeniert. Am Münchner Residenztheater schickt Ulrich Rasche Katja Bürkle als Hugo von Hofmannsthals Rächerin «Elektra» auf die Bühnenmaschine; an der Wiener Burg lässt Christian Stückl Schicksalsschläge auf Joseph Roths «Hiob» prasseln. Jette Steckel bringt die amerikanische Vorstadttristesse von Richard Yates «Zeiten des Aufruhrs» mit Maren Eggert und Alexander Khuon ans Deutsche Theater. Regisseur Evgeny Titov assistiert Professor Preobraschenskis Umoperation des Hundes Lumpi zum Menschen, nach Bulgakovs «Hundeherz» am Schauspielhaus Düsseldorf. «Die sieben ...
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Theater heute Februar 2019
Rubrik: Daten, Seite 55
von
Wenn Ludger Fuchs, der alte Stasi-Mann, mit seinen ergrauten Kumpels von Horch&Guck in der Eckkneipe abhängt, wird nicht nur über die per Einheitsvertrag gekürzte Rente gejammert. Nein, es wird sogar ziemlich philosophisch: «Lieber eine gute Lüge als eine beschissene Wahrheit», meint Ludger, der Lügenartist, denn so eine Lüge sei einfach ehrlicher. Schließlich lüge...
Niemand kann so schön schmollen wie Benny Claessens. Wenn sich das Gesicht in den kategorischen Widerspruch eines Kleinkinds verknautscht, die Stimme eine Oktave in die Höhe fährt, der mächtige Körper sich in ein Gebirge aus Trotz verwandelt. Wenn Salome schmollt, dann will er/sie wirklich nicht. Aber warum, das ist hier eine gute Frage.
Ersan Mondtag (Regie und...
Im Wasserbassin stampfen, treten, stöhnen und schreien vier Schauspielerinnen und vier Schauspieler. Die Männer treiben die Frauen an: «Come on!», schreien sie, «weiter!» Mit Kraft, Zorn und Lebenswillen feuern sie die Kranken an, feuern sie an in ihrem Kampf gegen den Krebs. In der dunklen Weite des Bockenheimer Depots sind nur die Leiber der Spieler*innen...
